
Ich glaube es gibt zwei Arten von übergewichtigen Menschen. Die einen ziehen sich immer weiter zurück und nehmen irgendwann kaum mehr am Leben teil. Zu denen gehöre ich definitiv nicht. Die anderen überspielen ihr Gewicht indem sie immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ständig gute Laune haben. Zu dieser zweiten Sorte gehöre definitiv ich. Wobei man sagen muss, dass mir in diesem Fall geholfen hat, dass ich von Natur aus ein richtiger Sonnenschein bin und ohnehin immer gute Laune habe. Somit musste ich das noch nicht einmal spielen. Schwierig wird es dann, wenn Du auch dann diese Fassade aufrecht erhältst, wenn es Dir nicht gut geht und Dir eigentlich nicht zum Lachen ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen, das Letzte was ich hier machen möchte ist zu jammern. Denn auch wenn es nicht einfach ist, weiß ich doch, dass es ganz alleine an mir liegt, diese Situation zu ändern. Trotzdem möchte ich euch gerne zeigen, wie es in einem Menschen aussehen kann, wenn er euch anlacht.
Mir ist das erste Mal als Jugendlicher bewusst geworden, was es bedeutet, aufgrund seines Gewichtes beurteilt und verurteilt zu werden. Und dabei ging es noch nicht einmal um mich selber. Als Jugendlicher hatte ich auch ein paar Kilo zu viel auf der Waage. Allerdings hielt sich das noch in Grenzen. So war ich als Jugendlicher immer ziemlich sportlich. Ich habe ein aktives Leben geführt, war im Winter Skifahren und auch eine zeitlang im Schwimm- und Judoverein. Aber so richtig Spaß hat mir Tennisspielen gemacht. Ich habe jede Woche Tennisstunden gehabt und habe sogar eine zeitlang im Verein in der Mannschaft gespielt. Im Verein gab es den Sohn eines Mitgliedes, der ein paar Jahre älter war als ich. Und er hat deutlich mehr gewogen als ich. Auch wenn ich heute weiß, dass er damals nicht annähernd so viel gewogen hat wie ich heute. Ich weiß aber, was ich damals für ein Bild von ihm hatte und wie die Leute zum Teil über ihn gesprochen haben. Und ich habe mir damals gesagt, wie froh ich bin, dass ich nicht so dick bin wie er. Heute wünschte ich, ich würde so viel wiege, wie er damals. Wie sich die Zeiten doch ändern. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie Übergewicht zur Ausgrenzung führen kann.
Viele viele Jahre später saßen wir bei einem Familientreffen zusammen und ich habe von meiner Arbeit als Veranstaltungskaufmann bei einem Open Air Theater erzählt. Und irgendwann hat ein Onkel von mir dann gesagt, dass ich aufgrund meines Übergewichts doch nie wirklich erfolgreich in meinem Beruf sein könnte. So etwas hatte ich bis dahin noch nie in meinem engeren Umfeld, geschweige denn von meiner Familie gehört und ich war total perplex. Ich weiß noch, dass ich gesagt habe, dass er sich dort gewaltig täuscht, da ich sowohl mit der Stadt, Presseagenturen, Künstlern und deren Management erfolgreich verhandle. Danach war das Thema dann auch durch für mich.
Ich weiß, dass in einer Gärtenrei der kleine Sohn der Inhaberin im Beisein seiner Mutter gesagt hat, dass ich ja ziemlich dick bin. Wie sagt man so schön, Kindermund tut Wahrheit kund. Der Besitzerin war das ziemlich peinlich. Ich habe relativ cool reagiert und nur gesagt, dass er damit ja recht habe und ich das wahrlich nicht leugnen könnte.
Das ganze fand allerdings vor ein paar Wochen seine Krönung. Ich wollte mir einen neuen Bürostuhl für zuhause aussuchen und war in einem Fachgeschäft. Die Abteilung für Bürostühle war dort in der hintersten Ecke und noch mit einem Sichtschutz abgetrennt. Also fing ich an, in aller Ruhe die einzelnen Stühle zu testen. Dabei habe ich natürlich nicht auf die angegeben Höchtsbelastungsgrenze geachtet, für die die Stühle ausgelegt sind. Abgesehen davon, dass man mit 175 kg ohnehin keinen Bürostuhl findet, der dafür getestet ist. Ich saß also gerade in einem der Stühle, als eine Verkäuferin um die Ecke kam und mich fragte, was ich dort mache. Keck wie ich bin meinte ich, dass ich nur kurz Mittagspause mache, da die Stühle hier so gemütlich sind. Im gleichen Atemzug habe ich dann aber auch gesagt, dass ich einen neuen Bürostuhl suche. Immer noch in meinem Bürostuhl sitzend meinte die Verkäuferin dann zu mir, den aber nicht, den verkaufe ich ihnen nicht. Der wäre nicht für mein Gewicht ausgelegt. Sie hat mir dann Bürostühle gezeigt, die für ein höheres Gewicht ausgelegt sind. Diese kosteten dann allerdings auch ab 300 Euro aufwärts und ich habe ihr mitgteilt, dass ich soviel Geld nicht ausgeben möchte. Woraufhin sie meinte, dass sie mir natürlich auch einen billigeren Stuhl verkaufen würde. Dann müsste sie nur auf der Rechnung vermerken, dass ich aufgrund meines Übergewichtes keine Garantie auf die Federung des Stuhls bekomme. Ich habe mich in dem Moment so hilflos, klein und gedemütigt gefühlt, wie noch nie in meinem Leben. Ich war den Tränen nahe und mich hat die ganze Situtation im tiefsten meiner Seele getroffen. Zur Verteidigung der Verkäuferin muss ich allerdings sagen, dass diese wirklich freundlich war und nur um mich besorgt. Da sie merkte, wie ich mich fühle habe ich dann am Ende sogar auf einen der mittelpreisigen Stühle einen großen Rabatt bekommen, sodass ich am Ende nicht mehr für den Stuhl bezahlt habe, wie ich auch für die günstigen ausgegeben hätte. Trotzdem war das eine Situation, die ich so nie vergessen werde.
Und dann gibt es die vielen Dinge, auf die ich im Leben verzichte oder die mir Angst machen:
– Ich habe Angst Menschen aus meiner Kindheit und Schulzeit zu begegnen, weil ich mich so für mein Gewicht so sehr schäme.
– Ich habe seit Jahren weder beruflich noch privat Flugreisen gemacht, da ich kaum in den Sitz passen würde und eine Gurtverlängerung bräuchte.
– Ich fahre keinen Zug und nur zur Not ÖPNV, da ich auf meinem Sitz auch halb auf dem Vordermann hänge.
– Ich bin Veranstaltungskaufmann und Künstler aus tiefstem Herzen. Früher bin ich gerne zu Veranstaltungen gegangen. Heute schäme ich mich, mich in die kleinen Sitze zu pressen.
– Wenn wir bei Bekannten eingeladen sind, wo wir noch nie zuhause waren, frage ich mich, ob ich dort sitzen kann und mich die Stühle aushalten.
– Einfach in einen Biergarten oder ein Straßencafé gehe, ist für mich nicht möglich, da ich nie weiß, ob ich in die Stühle passe. Wir müssen halt solange suchen, bis es irgendwie passt.
– Im Haushalte kann ich die normalen Leitern nur mit äußertster Vorsicht benutzen, da diese nicht für mein Gewicht ausgelegt sind.
– Ich kann nicht Segway fahren, da ich zu schwer bin.
– Ich kann in keiner Hängematte liegen, da ich zu schwer bin.
– Ich war schon seit Jahren nicht mehr in unserer Badewann. Gut, ich passe vielleicht noch rein, aber der Eimer Wasser, der dann noch Platz in der Wann findet, verspricht nun wahrlich kein entspanntes Badevergnügen.
– Von meinen Toilettenbesuchen möchte ich euch erst gar nicht erzählen.
– Mein normales Fahrrad kann ich nicht fahren. Als ich das das letzte Mal versucht habe, hat mein Gewicht den Sattel nach unten gedrückt.
– Ich kann auf der Kirmes oder im Freizeitpark in kein Fahrgeschäft, da der Sicherheitsbügel nicht zugehen würde.
– Ich habe irgendwann aufgehört Ski zu fahren, da man für das Einstellen der Bindungen sein Gewicht, also sein echtes Gewicht angeben muss.
– Ich bin früher getaucht. Heute gibt es keinen Neoprenanzug in meiner Größe.
– Ich würde gerne mal einen Klettergarten ausprobieren, aber wer soll mich denn dabei sichern.
– Im Urlaub hätte ich gerne mal Tandemparagliding gemacht, das aber aufgrund des Gewichtes ausgeschlossen ist.
– Wenn ich ins Kino gehe, kaufe ich schon immer einen Platz mehr, damit ich auch wirklich genügend Platz habe.
– Auch wenn ich mich attraktiv finde und auf meinen Körper stolz bin, gefällt mir das Übergwicht trotzdem nicht.
– Geh mal Klamotten in 5XL einkaufen. Da ist wirklich kein Spaß.
– Im linken Bein habe ich Krampfadern, die ggf. mal operiert werden müssten. Das würde ich aber nie machen, da ich weder in Narkose gelegt werden möchte, noch dem OP Personal zumuten möchte mich vom Bett auf den OP TIsch zu hieven und zurück.
– Zum Glück bin ich kerngesund. Aber ich habe immer im Hinterkopf, was denn ist, wenn mir mal etwas passiert. Mich kriegen zwei Sanitäter nicht so einfach transportiert. Da müsste schon ein Spezialtransport kommen.
– Ich habe früher Fotos von mir geliebt. Heute gehen noch Portaitfotos, wenn ich die stellen kann. Alles andere finde ich furchtbar.
– Und es ist immer die Angst da, das etwas unter mir zerbrechen könnte.
– Es ist immer die Angst da, was nun andere Menschen über mich denken, wenn sie mich das erst mal kennen lernen.
– Ich leben nicht annähernd ein so freies und unbeschwertes Leben, wie ich es mir für mich wünschen würde.
Die Liste könnte ich noch lange weiterführen, aber ich denke, sie gewährt einen guten Einblick in mein Seelenleben.
Allerdings möchte ich diesen Beitrag auch mit ein paar Mut machenden Worten beenden. Das mag sich so gelesen haben, als würde ich komplett isoliert und zurückgezogen leben. Dem ist allerdings nicht so. Ich leben mein Leben ganz normal wie jeder andere von euch auch. Ich habe tatsächlich den Vorteil, dass man mein Gewicht nicht so stark wahrnimmt, wie ich es selber fühle. Dank meines Sonnenscheingens habe ich eine Präsenz und Ausstrahlung, dass ich gleich einen Raum fülle und Menschen für mich einnehmen kann. Seit ich ein Teenager bin stehe ich auf der Bühne und zaubere, bzw. mache Moderationen. Ich liebe es mit Menschen zu interagieren, Menschen zu unterhalten und zu begeistern. Aber all das tue ich eben trotz oder mit meinen Ängsten und Zweifeln im Hinterkopf. Ich werde diesen Beitrag ruhig schon einmal veröffentlichen, muss ihn mir aber in ein paar Tagen noch einmal in Ruhe anschauen, da ich nicht möchte, dass hier ein falsches Bild von mir entsteht. Denn weder bin ich ein Opfer meiner selbst, noch sehe ich mich so.
Danke für diesen mutigen, hilfreichen Beitrag. 🙂
VVN
LikeLike
Vielen Dank für Deine lieben Worte. Die letzten zwei Beiträge waren tatsächlich für mich die Schwierigsten, da es so aktuell ist und mich so präsent begleitet. Liebe Grüße und einen schönen Tag!
LikeGefällt 1 Person