Wenn Liebe nicht genug ist

Mein Unterbewusstsein und meine Seele wissen ganz genau, wenn Sie etwas möchten oder eben auch nicht. Daher sitze ich nun hier und versuche seit langer Zeit mal wieder einen Eintrag zu schreiben. Wie odt ich den Text nun schon gelöscht und wieder angefangen habe, kann ich kaum zählen. Denn etwas in mir möchte gerade nicht, dass ich mich mit mir auseinander setze oder gar darüber schreibe. Dennoch versuche ich es mal.

Zu meiner Schulzeit hat meine Religionslehrerin uns mal gesagt, dass wir uns selber lieben müssen, bzw. lernen müssen uns selber zu lieben. Ich konnte das damals nicht verstehen und habe gar nicht gewusst, was damit gemeint war. In den darauf folgenden Jahren ist mir dann bewusst geworden, was es bedeutet sich selber zu lieben und warum das so wichtig ist. Und ich dachte auch, dass ich gelernt hätte, mich selber zu lieben. Heute stelle ich fest, dass dieses nur die halbe Wahrheit ist.

Natürlich liebe ich mich, allerdings ist es eben keine bedingungslose Liebe. Zum einen knüpfe ich die Liebe an mich selber an so viele Dinge. Ich muss so oder so sein. Ich muss mich so oder so verhalten. Und so weiter. Und manchmal ist selbst diese Liebe eben nicht genug.

Obwohl ich es besser wissen müsste und mich die Erfahrungen der Vergangenheit eines besseren belehrt haben müssten, ist immer noch das Gefühl da, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden. Und zwar von mir selber. Ich trage das Sonnenscheingen in mir und das Leben oder das Universum meines es wirklich sehr gut mit mir. Immer wenn mein Leben zu gut wird, kommt diesese Teufelchen zum Vorschein, dass mir sagt, dass ich es nicht verdient habe. Und da ich es ja nicht ändern kann, dass das Leben es so gut mit mir meint, fange ich dann an, mir das Leben selber schwer zu machen.

In meinem Fall ist Essen die Wahl der Qual. Je mehr ich wiege, desto unbequemer wird das Leben für mich. Ich bestrafe mich damit für das ganze sehr gute Leben, das mir geschenkt wird und mich umgibt. Und durch das Gewicht kann ich eben auch nicht die Fülle des Lebens genießen. So gelingt es dem kleinen Teufelchen in mir, dass ich anstatt eines sehr guten Lebens, eben nur ein gutes und zum Teil beschwerliches Leben führe.

Was mich aber am meisten ärgert, dass ich herausgefunden habe, warum ich mich so verhalte, wie ich mich verhalte und warum mein Gewicht so hoch ist, wie es eben ist. Aber trotzdem gelingt es mir noch nicht, mich dauerhaft von diesem Verhalten und den Glaubenssätzen zu befreien. Ich habe es mit Affirmationen, Vergebung und so vielen anderen Dingen versucht. Aber aktuell gelingt es mir noch nicht, wirklich loszulassen.

Es mag für Außenstehende komisch klingen, aber es hat mich unglaublich viel Kraft gekostet, diesen Beitrag zu verfassen. Abschließend lasst euch noch sagen, dass ich aber nicht aufgebe. Ich werde weiterhin versuchen herauszufinden, wie ich diese falschen Glaubenssätze loswerde, um endlich ein erfülltes, befreites und sehr gutes Leben führen zu können.

Selbstmord auf Raten

Meinen kleinen Blog schreibe ich aktuell nur für mich und bin verwundert, dass sich doch ab und zu jemand hier hin verirrt. Ich bin so privat und ehrlich wie es nur irgendwie geht, da ich mich freuen würde, wenn meine Geschichte den ein oder anderen inspiriert an Glück, Hoffnung und Liebe zu glauben.

Und für mich persönlich ist es ein Aufarbeiten dessen, was in meinem Leben passiert ist. In den letzten Einträgen habe ich darüber geschrieben, wie das Leben ist, wenn man Fett hat. Ich schreibe nicht „fett ist“, da das für mich einen unveränderlichen Zustand beschreibt. Und ich will einfach glauben, dass ich das doch eines Tages in den Griff bekomme.

In den letzten Monaten ist viel passiert. Das erste Mal in meinem Leben besuche ich virtuell eine Selbsthilfe Gruppe für Menschen mit Essstörungen und Esssucht. Nach unserem Treffen gestern habe ich mit einer ganz lieben Person aus der Gruppe telefoniert. Wir haben wieder über mich gesprochen. Ich habe ihr erzählt, dass mich meine unbändige Liebe zum Leben durch alle Zeiten getragen hat.

Worauf sie gesagt hat, dass da irgendwas nicht stimmen kann, denn wenn diese Liebe zum Leben wirklich so groß wäre, würde ich mich und meinen Körper nicht so behandeln. Und damit hat sie vollkommen Recht. Es mag ja so sein, dass ich aktuell keine großen körperlichen Gesundheitsschäden habe. Aber mir ist in dem Gespräch bewusst geworden, dass ich nichts anderes mache, als einen Selbstmord auf Raten. Diese Erkenntnis wirkt wie ein Paukenschlag in mir. Ich habe so viel durchlebt und verarbeitet. Ich lebe ein gutes Leben und bin glücklich. Aber auf der anderen Seite behandle ich meinen Körper so, dass mich das eines Tages umbringen wird. Und ich kriege es nicht dauerhaft in den Griff. Wie kann das beides zusammen gehen? Also ich bin noch nicht dahinter gekommen.

Ich weiß nur, dass dieser Selbstmord auf Raten bedeutet, dass ganz tief in mir und unentdeckt anscheinend doch noch der Gedanke ist, dass ich es nicht wert bin zu leben. Woher das kommt, kann ich noch nicht sagen. Vor allen Dingern, weil ich es nicht fühlen kann. Ich sitze hier, lache und erfreue mich am Leben. Doch gleichzeitig fresse ich mich zu Tode. Wie kann das sein?

Ich bin sehr gespannt, ob und wann ich hinter dieses Geheimnis komme. Auf jeden Fall gäbe ich gerade genügend Fragen mit auf den Weg bekommen, um weiter an mir zu arbeiten und zu wachsen.

Der fröhliche Dicke

Ich glaube es gibt zwei Arten von übergewichtigen Menschen. Die einen ziehen sich immer weiter zurück und nehmen irgendwann kaum mehr am Leben teil. Zu denen gehöre ich definitiv nicht. Die anderen überspielen ihr Gewicht indem sie immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ständig gute Laune haben. Zu dieser zweiten Sorte gehöre definitiv ich. Wobei man sagen muss, dass mir in diesem Fall geholfen hat, dass ich von Natur aus ein richtiger Sonnenschein bin und ohnehin immer gute Laune habe. Somit musste ich das noch nicht einmal spielen. Schwierig wird es dann, wenn Du auch dann diese Fassade aufrecht erhältst, wenn es Dir nicht gut geht und Dir eigentlich nicht zum Lachen ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen, das Letzte was ich hier machen möchte ist zu jammern. Denn auch wenn es nicht einfach ist, weiß ich doch, dass es ganz alleine an mir liegt, diese Situation zu ändern. Trotzdem möchte ich euch gerne zeigen, wie es in einem Menschen aussehen kann, wenn er euch anlacht.

Mir ist das erste Mal als Jugendlicher bewusst geworden, was es bedeutet, aufgrund seines Gewichtes beurteilt und verurteilt zu werden. Und dabei ging es noch nicht einmal um mich selber. Als Jugendlicher hatte ich auch ein paar Kilo zu viel auf der Waage. Allerdings hielt sich das noch in Grenzen. So war ich als Jugendlicher immer ziemlich sportlich. Ich habe ein aktives Leben geführt, war im Winter Skifahren und auch eine zeitlang im Schwimm- und Judoverein. Aber so richtig Spaß hat mir Tennisspielen gemacht. Ich habe jede Woche Tennisstunden gehabt und habe sogar eine zeitlang im Verein in der Mannschaft gespielt. Im Verein gab es den Sohn eines Mitgliedes, der ein paar Jahre älter war als ich. Und er hat deutlich mehr gewogen als ich. Auch wenn ich heute weiß, dass er damals nicht annähernd so viel gewogen hat wie ich heute. Ich weiß aber, was ich damals für ein Bild von ihm hatte und wie die Leute zum Teil über ihn gesprochen haben. Und ich habe mir damals gesagt, wie froh ich bin, dass ich nicht so dick bin wie er. Heute wünschte ich, ich würde so viel wiege, wie er damals. Wie sich die Zeiten doch ändern. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie Übergewicht zur Ausgrenzung führen kann.

Viele viele Jahre später saßen wir bei einem Familientreffen zusammen und ich habe von meiner Arbeit als Veranstaltungskaufmann bei einem Open Air Theater erzählt. Und irgendwann hat ein Onkel von mir dann gesagt, dass ich aufgrund meines Übergewichts doch nie wirklich erfolgreich in meinem Beruf sein könnte. So etwas hatte ich bis dahin noch nie in meinem engeren Umfeld, geschweige denn von meiner Familie gehört und ich war total perplex. Ich weiß noch, dass ich gesagt habe, dass er sich dort gewaltig täuscht, da ich sowohl mit der Stadt, Presseagenturen, Künstlern und deren Management erfolgreich verhandle. Danach war das Thema dann auch durch für mich.

Ich weiß, dass in einer Gärtenrei der kleine Sohn der Inhaberin im Beisein seiner Mutter gesagt hat, dass ich ja ziemlich dick bin. Wie sagt man so schön, Kindermund tut Wahrheit kund. Der Besitzerin war das ziemlich peinlich. Ich habe relativ cool reagiert und nur gesagt, dass er damit ja recht habe und ich das wahrlich nicht leugnen könnte.

Das ganze fand allerdings vor ein paar Wochen seine Krönung. Ich wollte mir einen neuen Bürostuhl für zuhause aussuchen und war in einem Fachgeschäft. Die Abteilung für Bürostühle war dort in der hintersten Ecke und noch mit einem Sichtschutz abgetrennt. Also fing ich an, in aller Ruhe die einzelnen Stühle zu testen. Dabei habe ich natürlich nicht auf die angegeben Höchtsbelastungsgrenze geachtet, für die die Stühle ausgelegt sind. Abgesehen davon, dass man mit 175 kg ohnehin keinen Bürostuhl findet, der dafür getestet ist. Ich saß also gerade in einem der Stühle, als eine Verkäuferin um die Ecke kam und mich fragte, was ich dort mache. Keck wie ich bin meinte ich, dass ich nur kurz Mittagspause mache, da die Stühle hier so gemütlich sind. Im gleichen Atemzug habe ich dann aber auch gesagt, dass ich einen neuen Bürostuhl suche. Immer noch in meinem Bürostuhl sitzend meinte die Verkäuferin dann zu mir, den aber nicht, den verkaufe ich ihnen nicht. Der wäre nicht für mein Gewicht ausgelegt. Sie hat mir dann Bürostühle gezeigt, die für ein höheres Gewicht ausgelegt sind. Diese kosteten dann allerdings auch ab 300 Euro aufwärts und ich habe ihr mitgteilt, dass ich soviel Geld nicht ausgeben möchte. Woraufhin sie meinte, dass sie mir natürlich auch einen billigeren Stuhl verkaufen würde. Dann müsste sie nur auf der Rechnung vermerken, dass ich aufgrund meines Übergewichtes keine Garantie auf die Federung des Stuhls bekomme. Ich habe mich in dem Moment so hilflos, klein und gedemütigt gefühlt, wie noch nie in meinem Leben. Ich war den Tränen nahe und mich hat die ganze Situtation im tiefsten meiner Seele getroffen. Zur Verteidigung der Verkäuferin muss ich allerdings sagen, dass diese wirklich freundlich war und nur um mich besorgt. Da sie merkte, wie ich mich fühle habe ich dann am Ende sogar auf einen der mittelpreisigen Stühle einen großen Rabatt bekommen, sodass ich am Ende nicht mehr für den Stuhl bezahlt habe, wie ich auch für die günstigen ausgegeben hätte. Trotzdem war das eine Situation, die ich so nie vergessen werde.

Und dann gibt es die vielen Dinge, auf die ich im Leben verzichte oder die mir Angst machen:

– Ich habe Angst Menschen aus meiner Kindheit und Schulzeit zu begegnen, weil ich mich so für mein Gewicht so sehr schäme.
– Ich habe seit Jahren weder beruflich noch privat Flugreisen gemacht, da ich kaum in den Sitz passen würde und eine Gurtverlängerung bräuchte.
– Ich fahre keinen Zug und nur zur Not ÖPNV, da ich auf meinem Sitz auch halb auf dem Vordermann hänge.
– Ich bin Veranstaltungskaufmann und Künstler aus tiefstem Herzen. Früher bin ich gerne zu Veranstaltungen gegangen. Heute schäme ich mich, mich in die kleinen Sitze zu pressen.
– Wenn wir bei Bekannten eingeladen sind, wo wir noch nie zuhause waren, frage ich mich, ob ich dort sitzen kann und mich die Stühle aushalten.
– Einfach in einen Biergarten oder ein Straßencafé gehe, ist für mich nicht möglich, da ich nie weiß, ob ich in die Stühle passe. Wir müssen halt solange suchen, bis es irgendwie passt.
– Im Haushalte kann ich die normalen Leitern nur mit äußertster Vorsicht benutzen, da diese nicht für mein Gewicht ausgelegt sind.
– Ich kann nicht Segway fahren, da ich zu schwer bin.
– Ich kann in keiner Hängematte liegen, da ich zu schwer bin.
– Ich war schon seit Jahren nicht mehr in unserer Badewann. Gut, ich passe vielleicht noch rein, aber der Eimer Wasser, der dann noch Platz in der Wann findet, verspricht nun wahrlich kein entspanntes Badevergnügen.
– Von meinen Toilettenbesuchen möchte ich euch erst gar nicht erzählen.
– Mein normales Fahrrad kann ich nicht fahren. Als ich das das letzte Mal versucht habe, hat mein Gewicht den Sattel nach unten gedrückt.
– Ich kann auf der Kirmes oder im Freizeitpark in kein Fahrgeschäft, da der Sicherheitsbügel nicht zugehen würde.
– Ich habe irgendwann aufgehört Ski zu fahren, da man für das Einstellen der Bindungen sein Gewicht, also sein echtes Gewicht angeben muss.
– Ich bin früher getaucht. Heute gibt es keinen Neoprenanzug in meiner Größe.
– Ich würde gerne mal einen Klettergarten ausprobieren, aber wer soll mich denn dabei sichern.
– Im Urlaub hätte ich gerne mal Tandemparagliding gemacht, das aber aufgrund des Gewichtes ausgeschlossen ist.
– Wenn ich ins Kino gehe, kaufe ich schon immer einen Platz mehr, damit ich auch wirklich genügend Platz habe.
– Auch wenn ich mich attraktiv finde und auf meinen Körper stolz bin, gefällt mir das Übergwicht trotzdem nicht.
– Geh mal Klamotten in 5XL einkaufen. Da ist wirklich kein Spaß.
– Im linken Bein habe ich Krampfadern, die ggf. mal operiert werden müssten. Das würde ich aber nie machen, da ich weder in Narkose gelegt werden möchte, noch dem OP Personal zumuten möchte mich vom Bett auf den OP TIsch zu hieven und zurück.
– Zum Glück bin ich kerngesund. Aber ich habe immer im Hinterkopf, was denn ist, wenn mir mal etwas passiert. Mich kriegen zwei Sanitäter nicht so einfach transportiert. Da müsste schon ein Spezialtransport kommen.
– Ich habe früher Fotos von mir geliebt. Heute gehen noch Portaitfotos, wenn ich die stellen kann. Alles andere finde ich furchtbar.
– Und es ist immer die Angst da, das etwas unter mir zerbrechen könnte.
– Es ist immer die Angst da, was nun andere Menschen über mich denken, wenn sie mich das erst mal kennen lernen.
– Ich leben nicht annähernd ein so freies und unbeschwertes Leben, wie ich es mir für mich wünschen würde.

Die Liste könnte ich noch lange weiterführen, aber ich denke, sie gewährt einen guten Einblick in mein Seelenleben.

Allerdings möchte ich diesen Beitrag auch mit ein paar Mut machenden Worten beenden. Das mag sich so gelesen haben, als würde ich komplett isoliert und zurückgezogen leben. Dem ist allerdings nicht so. Ich leben mein Leben ganz normal wie jeder andere von euch auch. Ich habe tatsächlich den Vorteil, dass man mein Gewicht nicht so stark wahrnimmt, wie ich es selber fühle. Dank meines Sonnenscheingens habe ich eine Präsenz und Ausstrahlung, dass ich gleich einen Raum fülle und Menschen für mich einnehmen kann. Seit ich ein Teenager bin stehe ich auf der Bühne und zaubere, bzw. mache Moderationen. Ich liebe es mit Menschen zu interagieren, Menschen zu unterhalten und zu begeistern. Aber all das tue ich eben trotz oder mit meinen Ängsten und Zweifeln im Hinterkopf. Ich werde diesen Beitrag ruhig schon einmal veröffentlichen, muss ihn mir aber in ein paar Tagen noch einmal in Ruhe anschauen, da ich nicht möchte, dass hier ein falsches Bild von mir entsteht. Denn weder bin ich ein Opfer meiner selbst, noch sehe ich mich so.

Wenn die Seele hungert

Bislang hat meine Adoption und die Suche nach meinen Wurzeln einen großen Teil meiner Geschichte hier eingenommen. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit damit anzufangen, da diese Erfahrungen und Gefühle in meinem Leben auch ganz starke Auswirkungen auf viele andere Bereiche meines Lebens gehabt haben und noch haben. Die Geschichte meiner Adoption sieht man mir nicht an. Wenn man mich gut kennt, mag man in der Vergangenheit eventuell Verhaltensweisen bemerkt haben, die auf meine Adoption zurück gehen. Und ich selber merke natürlich die Veränderungen im Laufe der Jahre an mir ganz deutlich.

Aber da gibt es etwas, dass mich seit meiner Kindheit bis heute begleitet. Das wohl sicherste Zeichen für die emotionale Achterbahn meines Lebens. Mein Gewicht.

Mit 1,90 m bin ich zum Glück sehr groß, so dass man mir mein Übergewicht zwar ansieht, aber es nicht so wirkt, wie mit 1,74 m Körpergröße. Merkt ihr, dass ich schon anfange Rechtfertigungen und Relativierungen zu finden, bevor ich eigentlich ins Thema einsteige. So richtig bewusst habe ich mich als Teenager mit meiner Gewichtszunahme auseinander gesetzt. Damals habe ich zwischen 90kg und 100 kg gewogen. Aus meiner Sicht heute weiß ich, dass es es sich um kein drastisches Übergewicht gehandelt hat. Damals habe ich dann einfach mal kleinere Diät-Phasen eingelegt und hatte schnell auch wieder 5 kg runter. Ich weiß noch, dass ich mit der Unterstützung meiner Mutter mit 15 oder 16 meine erste Mini-Diätz eingelegt habe: Einen Tag lang nur Eier, einen Tag lang nur Bananen und einen Tag lang nur Würstchen. Wenn ich das heute so lese, habe ich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was das für eine Diät gewesen sein soll. Aber das ist irgendwie für mich der Auftakt zu meiner Gewichts-Karriere gewesen.

Seitdem ist mein Gewicht konstant nach oben gegangen. Immer mal unterbrochen von Diätphasen in denen ich zwischen 30 kg und 50 kg abgenommen habe. Allerdings ist es mir nie gelungen, das Gewicht zu halten und der JoJo-Effekt hat irgendwann wieder gnadenlos zugeschlagen. Und so bin ich dann von XL über 2XL bis hin zu 5XL gewandert. Ich erspare euch jetzt zu googeln, was das wohl in Kilogramm bedeuten könnte. Ich wiege aktuell 179 kg bei einer Körpergröße von 1,90 m. Ich sitzte hier und krige Schweissausbrüche bei dem Gedanken daran, diesen Post nachher zu veröffentliche. Es gibt genau zwei Menschen, die mein Gewicht kennen. Es sind mein bester Freund und mein Mann. Ansonsten spreche ich mit niemandem darüber, da mir das unfassbar peinlich ist. Ich bin also nicht einfach nur übergewichtig, sondern ich „bin fett“. Wobei ich zu der Formulierung später nochmal etwas sagen werde.

Dann friss doch einfach, weniger und bewege Dich mehr. Diesen gut gemeinten Rat gibt man oft Menschen, die übergewichtig sind. Aber leider ist es nicht so einfach. Damit ihr mich nicht falsch versteht, weder habe ich einen „schweren Knochenbau“, noch habe ich „ein Drüsenproblem“ oder ähnliches. Es gibt keine Auasreden dafür. Ich nehme schlicht und ergreifend zu viele Kalorien zu mir und mache auf der anderen Seite zu wenig Sport. That’s it! In meinem Kopf hat es zwar oft genug Klick gemacht, der Schalter hat sich umgelegt und ich habe über Wochen und Monate konstant meine Ernährung umgestellt und Sport in mein Leben integriert. Und obwohl ich gemerkt habe, wie viele positive Auswirkungen das auf die unterschiedlichsten Bereiche meines Lebens hatte, bin ich dann doch irgendwann wieder in alte Verhaltensweise verfallen.

Aus dem Fernsehen kennt man ja die verschiedensten Dokumentationen über übergewichtige Menschen und auch Diät-Sendungen. Dort sind Menschen, die extreme gesundheitliche Probleme haben, ihren Beruf nicht ausüben können oder das Haus nicht verlassen/ verlassen können. Das ist mir im Leben nie passiert. Trotz meines Gewichtes bin ich erstaunlicherweise den Umständen entsprechend gesund. Ich habe einen ganz leichten Bluthochdruck. Aber so am untersten Bereich, dass dieser nicht behandelt werden muss. Ich habe keinen Zucker und meine Blutwerte sind alle in Ordnung. Mit Sicherheit stellt das Gewicht eine Belastung für meinen Knochen und Gelenke dar. Allerdings habe ich keine Probleme damit. Und auch ansonsten bin ich jemand, der nie das Gefühl aufkommen lassen wollte, dass er der faule und behäbige Dicke ist, der immer hinterher rennt. Daher bin ich immer Hans Dampf in allen Gassen und vorne mit dabei. Mit Sicherheit dann eher das Modell schnaufende Dampflok, aber eben auch nicht das letzte Glied der Kette.

Das Thema ist so komlpex, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, weil es so viel zu erzählen gibt. Vorweg sei gesagt, dass ich ein glückliches Leben führe und aktiv am Leben teilnehmen. Wenn mir allerdings ein stark übergewichtiger Mensch sagt, dass sein Gewicht kein Thema für ihn ist und er oder sie nichts daran ändern möchte, dann kann ich das aus eigener Erfahrung nicht glauben. Wenn die gute Fee zu mir kommen würde und mich bitten würde mein Wunschgewicht zu nenen und dieses würde dann über Nacht in Erfüllung gehen, würde ich das sofort machen.

Ich sehe oft Menschen in den Abnehmsendungen, die ihren Körper verachten und sich davon distanzieren. Das tue ich nicht. Schäme ich mich für mein Gwicht? Ja das tue ich. Hasse ich meinen Körper? Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe einen wundervollen Körper, der mich tatsächlich all die Jahre durch alle Zeiten meines Lebens getragen und beschützt hat. Und selbst mit einem Körpergewicht bei dem andere vom Arzt gesagt bekommen, dass sie bald sterben würden, bin ich den Umständen entsprechend gesund. Ich erkläre in einem anderen Post noch, was ich mit den Umständen entsprechend meine.

Warum also bin ich nun so übergewichtig und warum gelingt es mir nicht dauerhaft mein Gewicht in den Griff zu bekommen. Die erste Frage kann ich zu großen Teilen beantworten, während ich an der zweiten Frage gerade ganz aktiv arbeite und mir das noch nicht in Gänze erschließen konnte.

Meine Eltern haben mir seit meiner Geburt Fotoalben angelegt. Ich habe irgendwann mal geschaut, ab wann ich denn angefangen habe Gewicht zu zunehmen. Das hat mit ungefähr sechs Jahren begonnen. Ich war nicht dürr, aber man konnte bis dahin bei mir die Rippen deutlich erkennen. Bei der Durchsicht meiner Fotoalben ist mir damals auch schlagartig klar geworden warum. Ihr wisst ja schon, dass ich adoptiert worden bin. Ich habe mir immer ein Geschwisterchen gewünscht. Und als ich sechs Jahre alt war, konnten meine Eltern dann noch ein weiteres Kind adoptieren, meinen Bruder. Und obwohl ich nie sagen würde, dass ich auf ihn eifersüchtig gewesen bin oder meine Eltern mir weniger Zuneigung und Liebe geschenkt haben, hat sich unser Leben doch komplett umgestellt. Ich war eben nicht mehr alleine da, sondern nun galt die Aufmerksamkeit und Liebe meiner Eltern uns beiden. Auch wenn ich erst mit Anfang 20 Zugang zu meinen Gefühlen gefunden habe und diese bewusst wahrnehmen konnte, gab es in mir doch schon diese Glaubenssätze. Du bist es nicht wert geliebt zu werden und wenn Du jemanden liebst, wirst Du sowieso wieder verlassen. Und da die Lieben meiner Eltern eben nicht mehr nur mir alleine galt, war dort das Gefühl nicht zu genügen, es nicht wert zu sein.

Was habe ich also gemacht? Ich habe zum einen angefangen mich mit Essen zu belohnen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich damals begonnen habe, mir von meinem Taschengeld am Kiosk gemischte Tüten zu kaufen. Diese Süßigkeiten haben mir Zuneigung, Geborgenheit und Liebe gegeben. Das habe ich vielleicht so nicht formulieren können, aber ich habe es genauso empfunden. Aber es war eben etwas, dass ich für mich ganz alleine hatte und das mir niemand wegnehmen konnte. Dadurch das ich angefangen habe an Gewicht zu zunehmen, bin ich natürlich auch vermeintlich nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, sondern bin sichtbar geblieben. Jedes Kilo mehr hat die Aufmerksamkeit auf mich gezogen und ich bin wahrgenommen, gesehen worden. Auf der anderen Seite war mein Gewicht dann auch ein Schutz für mich. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes einen Schutzpanzer um mich herum errichtet, der es nicht zugelassen hat, dass man mich tief im Inneren verletzten konnte.

Wenn die Seele Hunger hat, dann sucht sie sich ihren Weg, um diesen Hunger zu stillen. Das Blöde daran ist nur, dass jegliches Essen niemals den Hunger der Seele stillen wird können. Und egal, wie viele Themen ich in meinem Leben bearbeitet und verarbeitet habe, egal wie sehr ich mich weiterentwickelt habe und egal wie stark ich bei mir angekommen bin, mein Gewicht habe ich immer noch nicht in den Griff bekommen. In den letzten knapp zwei Jahren habe ich allerdings einen riesigen Schritt voran gemacht. Ich arbeite mit einem Coach zusammen und habe ganz viele Dinge für mich erkannt. Und gerade ist es so, dass ich an einem Scheideweg stehe. Ich weiß, dass ich in den nächsten Wochen und Monaten ein neues Kapitel meines Lebens beginnen werde. Aber vielleicht muss ich dazu erst einmal öffentlich über dieses Thema schreiben, um auch dieses hinter mir lassen zu können.

Im nächsten Post möchte ich euch gerne ein wenig über die Einschränkungen in meinem Leben erzählen, die ich durch mein Gewicht erfahre und die Probleme, die ich persönlich damit habe. in einem weiteren Post werde ich euch dann auch von meinem Coach erzählen und was mir in den letzten zwei Jahren an wundervollen Dingen und Erkenntnissen wiederfahren ist. Generell kann ich jeden Menschen verstehen, der aufgrund seines Gewichtes Ängst und Hemnisse hat. Lasst euch aber gesagt sein, dass diese niemals der Grund dafür sein sollten, euch aufhalten zu lassen. Du kannst auch mit diesem Gewicht ein glückliches und gutes Leben führen. Aber eben nur ein gutes Leben und kein sehr gutes Leben. Außerdem wirst Du mit so einem Gewicht auch niemals wirklich frei sein.

Ein letzter Gedanke für heute, den ich auch durch meinen Coach gelernt habe. Hättest Du mich vor zwei Jahren noch gefragt, wie ich mich beschreiben würde, hätte ich gesagt, ich bin fett! Heute weiß ich, dass ich nicht fett bin. Denn das ist ein Glaubensatz und eine unumstößliche Tatsache. Aber ich bin ja auch nicht schwarze Haare, nur weil ich schwarze Haare habe. Daher sage ich heute ganz bewusst über mich, dass ich Fett habe. Denn dieser Satz alleine sagt zwar viel über mein Gewicht aus, gibt mir aber gleichzeitig die Hoffnung, den Glauben und die Freiheit, dass ich daran etwas ändern kann.

Das heute ist mit Sicherheit einer der schwersten Posts bislang gewesen. Denn ich habe nun das erste Mal öffentlich und ganz konkret über mein Gewicht gesprochen. Ja, auf der einen Seite bin ich erleichtert, aber auf der anderen Seite schäme ich mich unendlich dafür. Vor mir selber und vor euch. Aber auch dafür ist dieser Blog da, um eben schonungslos ehrlich zu sein und euch an meinem Leben teilhaben zu lassen. Und wenn es mir gelingt, nicht nur mit diesem, sondern mit jedem dieser Blog Einträge auch nur einem Menschen Mut zu machen, Hoffnung zu geben oder eventuell auch nur Verständis für Menschen in solchen Situationen zu schaffen, habe ich mehr erreicht, als ich mir jemals hätte träumen lassen. In dem Sinne wünsche ich euch allen einen gute Nacht und sage bis die Tage.

Warum das alles?

Ganz bewusst habe ich bislang darauf verzichtet, in meinem Bekannten-, Freundes- oder Familienkreis von diesem Blog zu berichten. Umso erstaunter bin ich, dass so ganz ohne jegliche Werbung einige von euch den Weg zu mir gefunden haben und das hier, meine Geschichte und mein Leben verfolgen. Mich würde tasächlich mal interessieren, wie ihr auf diese Seite aufmerksam geworden seid.

Wieso also mache ich das alles hier? Zum aktuellen Zeitpunkt ist es eine Art Tagebuch. Es ist meine Biographie, an der ich schon seit über 25 Jahren schreibe. Als Jugendlicher ist es mir schwer gefallen, überhaupt eine Seite aufzuschreiben. Und es gibt lediglich eine handvoll Geschichten aus dieser Zeit von mir. Damals waren die Erfahrungen einfach noch zu schmerzhaft. Als wenn man eine Wunde hätte, die man mit jedem Satz wieder neu aufgerissen hätte. Heute sind meine Erfahrungen Narben, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin. Narben haben heutzutage eine so negative Bedeutung. Für mich sind es Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. So wie es zwei Seiten einer Medaille gibt, ist das auch so mit den Dingen die ich erlebt habe. Wie sonst könnte ich wissen, was Zuversicht ist, wenn ich nicht auch die Hoffnugslosigkeit kenne. Wie könnte ich Glück genießen, wenn ich nicht auch den Schmerz und die Trauer erfahren hätte. Und wieso wüsste ich so genau, dass es immer einen Weg gibt, wenn ich nicht selber alle Zuversicht verloren hätte.

Also warum schreibe ich das alles auf. Ich bin davon überzeugt, dass meine Lebensgeschichte Menschen aufzeigen kann, dass man tiefste Dunkelheit, Hoffnungslosigkeit und Schmerz überwinden kann. Das ist das, was ich mit dem Sonnenscheingen meine. Noch ist es schwer für mich, das ganze in die richtigen Worte zu fassen. Ich weiß aber, dass ich in den nächsten Monaten, in den nächsten ein bis zwei Jahren dieses Lebensprinzip des Sonnenscheingens immer weiter ausarbeiten werde. Bevor ich das allerdings machen kann, ist es wichtig, dass ich meine Erfahrungen aufschreibe und teile. Für mich ist es wichtig, um diese Zeiten noch einmal ganz bewusst zu erleben und endgültig hinter mir zu lassen. Ich will diese nicht vergessen und ungeschehen machen. Dafür sind sie ein viel zu großes Geschenk. Aber ich möchte damit abschließen, so dass diese Erfahrungen keine offenen Baustelle mehr in meinem Leben sind. Und ich denke, andere Menschen können mich besser verstehen, sich in mich hinein versetzen oder gar wiedererkennen, wenn sie an meiner Geschichte teilhaben können.

Mache ich mich damit verletzlich oder angreifbar? Natürlich tue ich dieses. Allerdings habe ich tatsächlich schon als Teenager/ mit Anfang zwanzig entschieden, keine Tabus in meiner Geschichte zu haben. Ich habe immer offen von meinen Erfahrungen gesprochen und auf Fragen geantwortet.

Dennoch ist zum aktuellen Zeitpunkt die Anonymität dieses Blogs für mich noch ein gewisser Schutz. Es gibt immer noch Bereiche meines Lebens, für die ich mich schäme und die mir peinlich sind. Trotzdem werde ich auch diese mit euch teilen. Allerdings kann ich das eben noch im Schutz der Anoymität machen. Wobei ich sagen muss, dass es genügend Spuren gibt, die auch jetzt schon zu meiner Identität führen würden, wenn man wirklich suchen würde. Wie dem auch sei, deswegen werde ich auch weiterhin erst einmal die einzelnen Kapitel meines Lebens erzählen. Wobei diese nicht immer streng voneinander getrennt sind, sondern auch parallel laufen. Sie haben halt nur in meinem Leben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Prioritäten.

So viel dann mal zwischendurch zu dem „Warum das alles.“…

Ob er sich jemals nochmal meldet?

Ich frage mich, was ich denn überhaupt erwartet habe. MeinBruder hat 32 Jahre lang nicht einmal geahnt, dass es mich gibt. Und auf einmal meldet sich ein wildfremder Mensch bei ihm und sagt ihm, dass er sein Bruder sei. Ich frage mich, wie ich wohl an seiner Stelle reagiert hätte. Das muss doch für ihn ein Schock gewesen sein. Ich hatte sieben Jahre lang Zeit, um mich auf diesen Tag vorzubereiten. Und er wurde von einer Sekunde auf die andere in kaltes Wasser geschmissen. Ich frage mich, ob er mir überhaupt glaubt. Es ist einer der wenigen Momente in meinem Leben, wo das Glas nicht halb voll, sondern halb leer ist. Ich bin absolut davon überzeugt, dass er sich nicht meldet. Zumindest weiß er jetzt, dass es mich gibt.

Und plötzlich, es ist noch nicht einmal 19 Uhr, schellt mein Telefon. Kann das wirklich sein? Sollte mein Bruder mich doch anrufen? Mit zitternder Stimme melde ich mich. Und da ist Michael, der nichts von seinem Ruhrpott Charme verloren hat. Ich weiß noch, dass er mir erzählt, dass er total verwirrt war und das Ganze nicht glauben konnte, sich aber freut, dass ich ihn gesucht habe. Ich sage ihm , dass ich es schade finde, dass er keinen Kontakt mehr zu unserer Schwester hat. Da sagt er mir in seiner typischen Art, dass er heute morgen ja nicht wusste, ob ich „so nen verrückten Spinner“ bin. Selbstverständlich hat er noch Kontakt und gleich mit ihr telefoniert. Sie sei noch skeptischer als er, wäre aber auch an einem Treffen interessiert. Insgesamt telefonieren wir drei bis vier Stunden. Für mich fühlt sich das erstaunlicherweise überhaupt nicht fremd an. Am Ende vereinbaren wir, dass ich am Freitag ins Sauerland fahre und die beiden besuche.

Ich kann immer noch nicht glauben, was da in den letzten Tagen in meinem Leben passiert ist. Mein komplettes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mir das passieren würde. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja auch noch nicht wissen, wie viel mehr sich mein Leben einige Jahre später noch einmal verändern würde. Aber in dem Moment war ich einfach nur glücklich und erleichtert. Und mit diesem Gefühl der Leichtigkeit und Anspannung zugleich, fuhr ich nun also ins Sauerland. Ich weiß noch genau, wie ich in die Straße einbiege, in der Michael auf mich wartet. Und er steht tatsächlich schon auf dem Bürgersteig. Irgendwie krass, dass wir uns so gar nicht ähnlich sehen. Er ist zwar auch groß, aber ein schlacksiger Kerl mit blonden Haaren und blauen Augen. Also genau das Gegenteil von mir. Also den gleichen Vater können wir eigentlich nicht gehabt haben. Und obwohl wir uns noch nie gesehen haben, ist dort dieses ganz starke Gefühl von Familie in mir. Ich steige aus und nehme Michael nach so vielen Jahren endlich in den Armn. Das ist er also mein großer Bruder. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Aber was hatte das Medium vor Jahren zu mir gesagt. Ich solle meinen Geschwistern in Gedanken sagen, dass ich sie liebe und traurig bin, dass ich sie gerade nicht treffen kann. Aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, dann würde wir uns sehen. Und genau jetzt war er, dieser richtige Zeitpunkt. Ich lerne noch kurz seine Freundin und die Eltern seiner Freundin kennen, bevor wir uns ins Auto setzen und zu unserer Schwester fahren. Wir unterhalten uns die ganze Autofahrt über, als hätten wir uns schon immer gekannt. Da ist für mich nichts Fremdes.

Als wir auf den Parkplatz bei der Wohnung unserer Schwester einbiegen, ist dort wieder diese Nervosität. Ich weiß schließlich, wie skeptisch sie mir gegenüber ist. Sie hatte im Vorfeld auch noch mehrmals erwähnt, dass ich auf jeden Fall die Abstammungsukunde mitbringen sollte. Und jetzt betrete ich den Hausflur mit meiner Abstammungsurkunde in der der Hand und gehe hoch zu ihrer Wohnung. Als ich den letzten Treppenabsatz hochkomme und wir uns sehen, halte ich ihr die Abstammungsurkunde entgegen. Doch sie nimmt mich nur in den Arm und sagt, dass ich das blöde Ding weg tun soll. Denn was wir beiden nicht ahnen konnten, dass wir uns verdammt ähnlich sehen. Bei uns merkt man direkt, dass wir Geschwister sind. Auf den Kinderfotos , die sie mir später am Tag zeigt, sehen wir sogar aus wie Zwillinge. Der Tag wird ein Auf und Ab der Gefühle. Ich erfahre, warum die beiden nicht bei meiner Mutter aufgewachsen sind und wie es ihnen in der Zeit ergangen ist. Ich sehe ganz viele Familienfotos und Briefe, die meine Mutter an meine Schwester geschrieben hat. Meine Geschwister erzählen mir, dass sie nichts von mir wussten. Meine Mutter hätte aber immer erzählt, dass die beiden noch eien kleinen Bruder gehabt hätten, den Tim. Aber dieser wäre bei der Geburt gestorben. Also hatte mich meine Mama die ganze Zeit nicht vergessen. Da waren Sie auf einmal die ganzen Antworten auf meine vielen Fragen.

Aber eine Frage gibt es da noch. Wissen die beiden eventuell, wer denn mein Vater ist. Ich erfahre von den beiden, dass es zu dem Zeitpunkt damals wohl zwei Männer im Leben meiner Mutter gegeben hat. Einen türkischen und einen italienischen Mann. Von beiden gibt es auch Fotos, die ich bekomme. Als ich mir diese im Nachgang und auch mit meinen Freunden noch einmal in Ruhe anschauen, kommen wir alle zu der Überzeugung, dass ich dem italienischen Mann ähnlicher sehe. Also bin ich ab jetzt Halbitaliener. Zumindest erklärt das nicht nur mein Temperament, sondern auch meinen Familiensinn.

Wie es mit uns dreien weitergegangen ist und was dieses Treffen in mir noch bewegt hat, erfahrt ihr zu einem späteren Zeitpunkt. Ich kann nur sagen, dass aus mir nun „der Junge mit einer Vergangenheit, der eine Zukunft hatte“ geworden war. Aber da es noch so viel weitere Aspekte gibt, die mich zu dem Menschen haben werden lassen, der ich heute bin, sind jetzt erst einmal andere Kapitel in meinem Leben dran, um euch davon zu erzählen. Denn an der Stelle ist meine Geschichte von Mut, Zuversicht, Dankbarkeit und Liebe noch lange nicht zu Ende.

Am Ziel und doch noch den Weg vor uns

Zwei Tage ist mein Geburtstag her und somit auch der Augenblick in dem ich das erste Mal wirklich die Chance habe, meine leiblichen Geschwister zu finden. Hier sitze ich nun also mit meinem besten Freund im Auto und wir fahren Samstag nachmittags ins Sauerland. Ich bin nervös, aufgeregt, voller Vorfreude und Angst zugleich. Was mache ich denn nur, wenn dieser Michael doch nicht mein Bruder ist. Und viel schlimmer, was mache ich, wenn er es ist, aber nichts mit mir zu tun haben möchte.

Langsam biegen wir in das beschlauliche Örtchen Olsberg ein. Und mit jedem Meter, den wir uns dem Ziel nähern, werde ich unruhiger. Schließlich sind wir angekommen und ich suche einen Parkplatz. Ich atme noch einmal tief durch und dann gehe ich zu der Haustür. Und dort steht tatsächlich der Name meines „vielleicht Bruders“ am Klingelschild. Ohne lange zu zögern drücke ich die Klingel und es passiert nichts. Sekunden vergehen wie Stunden. Und ich drücke ein weiteres Mal auf die Klingel. Aber wieder passiert nichts. Ich schaue auf die Uhr und überlege mir, ob gerade die falsche Zeit für einen Besuch ist. Schließlich ist es Samstag nachmittag. Eventuell ist Michael ja einkaufen. Aber so schnell will ich einfach nicht aufgeben. Also gehen mein bester Freund und ich in eine Pommesbude um die Ecke.

Während wir so warten und die Zeit rumbringen, lasse ich mir den kleinen Block einer Brauerei geben und schreibe folgende Nachricht: „Hallo mein Name ist XXX. Bitte seien Sie doch so freundlich und rufen mich einmal an.“. Natürlich schreibe ich noch meine Handynummer dazu. Nachdem gut eine Stunde ins Land gegangen ist, gehe ich wieder zur Haustür und schelle erneut. Als hätte ich eine Vorahnung gehabt, öffnet auch dieses Mal niemand. Ich nehme den Zettel vom Block der Brauerei und werfe ihn in den Briefkasten meines Bruders. Erst auf der Rückfahrt überlege ich mir, was für eine waghalsige Tat das war. Wird er den den Zettel überhaupt finden oder landet der zusammen mit den Werbeblättchen im Altpapier? Ich habe bis heute mein Handy immer auf lautlos. Aber an diesem Tag habe ich das Handy auf laut. Ich möchte ja schließlich den Anruf meines Bruders nicht verpassen. Mein Handy bleibt auch noch den ganzen Sonntag und den ganzen Montag auf laut. Denn mein Bruder hat sich immer noch nicht bei mir gemeldet. Ehrlich gesagt schwindet mit jeder Stunde meine Hoffnung, dass er noch anruft.

Dienstag vormittag sitze ich in meinem Büro und auf einmal schellt mein Telefon. Ich schaue auf das Display und dort steht Nummer unterdrückt. Sollte das vielleicht der erlösende Anruf sein, auf den ich so sehnlichst gewartet habe? Ich hebe ab und melde mich. Am anderen Ende der Leitung höre ich eine Männerstimmer die sagt: „Michael Frank hier, ich habe einen komischen Zettel in meinem Briefkasten gefunden, stammt der von Ihnen?“ Ich bin mir ja immer noch nicht sicher, ob es sich wirklich um meinen Bruder handelt. Daher frage ich, ob er aus Bottrop stammen würde und er letztes Jahr dort einen Freund besucht hätte. Er antwortet ziemlich muffelig, dass das stimmen würde, aber worum es denn nun eigentlich gehen würde. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen, da ich endlich Michael, meinen leiblichen Bruder gefunden habe. Endlich bin ich am Ziel angekommen. Ich denke mir, reiss Dich zusammen, Du musst wenigstens diesen einen Satz noch rausbekommen. Und so sage ich: „Deine Mutter war 1977 mit einem kleinen Jungen schwanger. Das bin ich, ich bin Dein Bruder.“ Stille am anderen Ende der Leitung gefolgt von einem „Neee, wirklich? Das kann doch nicht war sein.“ Schnell erkläre ich Michael, dass ich beim Standesamt war und die Geburtsurkunde habe. Danach war ich bei dem Haus wo die drei damals gewohnt haben. Und so bin ich dann an seinen Namen gekommen und mit viel Recherche schließlich bei ihm gelandet. Michael erzählt mir ungläubig, dass er nichts von einer Schwangerschaft seiner Mutter wüsste. Ich frage ihn, ob er noch Kontakt zu unserer Schwester hat und er sagt, dass er leider schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er hätte jetzt aber auch keine Zeit, weiter mit mir zu sprechen. Er würde sich abends um 19 Uhr bei mir melden und dann könnten wir in Ruhe sprechen. Ehrlich gesagt, klingt das so nach dem Motto, melden Sie sich bitte nicht, wir werden uns melden. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er nicht anrufen wird. Trotzdem bin ich so erleichtert und glücklich, dass ich ihn gefunden habe und es ihm gut zu gehen scheint. Endlich habe ich einen Teil meiner Wurzeln gefunden. Nur dieses eine mal mit ihm gesprochen zu haben, ist schon überwältigend genug für mich. Voller Hoffnung und Angst sitze ich bei mir zuhause und warte darauf, dass es Abend wird. Ob er tatsächlich anrufen wird. Naja, ich glaube ja nicht daran. Und wie die Geschichte dann ausgegangen ist, erzähle ich euch in meinem nächsten Blog Eintrag.

Der Nebel lichtet sich

Vollkommen aufgewühlt beende ich das Gespräch mit meinem besten Freund und lege den Hörer auf. Ist das jetzt gerade wirklich passiert? Kann das tatsächlich wahr sein. All die Jahre hatte ich die Hoffnung aufgegeben, jemals Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Ich hatte mich mit den Antworten angefreundet, die ich in mir selber gefunden hatte. Und jetzt sitze ich fassungslos vor meinem Telefon und mir laufen Tränen des Glücks und der Erleichterung die Wangen herunter. Endlich, nach all den Jahren habe ich nicht nur die Chance Antworten auf meine Fragen zu bekommen, sondern auch meine leiblichen Geschwister kennen zu lernen. Sofern sie das denn überhaupt wollen. Es ist als würde der Schleier des Nebels, der sich über mich gelegt hatte in diesem Moment sich lüften.

Also wähle ich die Nummer der Frau, die gemeinsam mit meiner leiblichen Mutter und meinen leiblichen Geschwistern in einem Haus gewohnt hat. Das Telefon schellt ein paar Mal, bevor mich der herzliche Charme einer typischen Ruhrpottplanze begrüßt. Die Frau scheint genauso aufgeregt zu sein wie ich. Sie erzählt mir ein paar Dinge über meine Mutter und dass sie es ja auch nicht immer leicht im Leben gehabt hat. Meine leiblichen Geschwister musste sie dann irgendwann an das Jugendamt abgeben. Wo meine Geschwister dann genau hingekommen sind, weiß sie nicht. Sie hat allerdings eine Bekannte und deren Sohn ist wohl mit meinem leiblichen Bruder befreundet. Der war wohl letztes Jahr auch noch mal in Borttop zu Besucht. Aber dazu kann ihre Bekannte mit Sicherheit mehr erzählen und gibt mir deren Nummer.

Mittlerweile bin ich auch nicht mehr ganz so aufgeregt. Dafür bin ich umso neugieriger und wähle nun voller Vorfreude die Nummer der Mutter des Freundes meines leiblichen Bruders. Und wie gerade auch, schlägt mir wieder diese bodenständige Herzlichkeit entgegen. Dieses Mal sogar mit noch mehr Gefühl, da man ja irgendwie miteinander verbunden ist. Und das erste Mal in meinem Leben höre ich die beiden Namen: Michael und Nicole. Da stehe ich nun und habe auf einmal einen großen Bruder der Michael und eine große Schwester die Nicole heißt. Die Frau erzählt mir, dass meine leiblichen Geschwister vom Jugendamt ins Sauerland gebracht worden sind. Michael ist dann in einem Kinderheim aufgewachsen und Nicole in einer Pflegefamilie. Und Michael war eben mit ihrem Sohn befreundet und hat über all die Jahre Kontakt gehalten. Sie sind zwar keine ganz engen Freunde, aber Michael ist erst im vergangenen Jahr noch bei Ihnen zu Besuch gewesen. Wenn ich möchte, würde sie mir die Telefonnummer von Michael geben. Ob ich die Telefonnummer haben möchte? Was ist das denn für eine Frage. Es gibt nichts lieber als das. Nach all den Jahren habe ich nun endlich die Chance, einen Teil meiner leiblichen Familie kennen zu lernen. Ich schreibe mir die Telefonnumer auf und verspreche der Frau, dass ich mich noch einmal melde und ihr sage, wie es gelaufen ist.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nervös ich bin, als ich die Telefonnummer von Michael wähle. Endlich werden meine Träume war. Ich habe nicht nur die Möglichkeit meinen Bruder kennen zu lernen, sondern vor allen Dingen auch Antworten auf so viele Fragen, die seit Jahren in mir schlummern. Ich habe die Nummer eingegeben und drücke auf wählen. Und da kommt sie die Ansage: „Die Rufnummer die sie gewählt haben, ist nicht vergeben.“ Genauso hoch wie ich kurz vorher noch geflogen war, genauso heftig bin ich wieder auf dem Boden gelandet. Das kann doch nicht wahr sein! So kurz vor dem Ziel kommt wieder die Blutgrätsche und bringt mich zu Fall. Aber dieses mal werde ich das nicht stillschweigend hinnehmen. Dieses mal kämpfe ich dafür. Durch die ehemalige Telefonnummer meines Bruders weiß ich ja anhand der Vorwahl, in welcher Stadt er im Sauerland gewohnt hat. Bis dahin hatte ich von Olsberg noch nie etwas gehört. Aber nun drehte sich mein ganzes Leben um diesen Ort im Sauerland. Also habe ich eine Umkreissuche gestartet und mir alle Michaels, die den gleichen Nachnamen wie er getragen haben, mit Telefonnummer rausgeschrieben. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele das waren. Nicht allzu viele, aber so um die zehn Personen werden es wohl gewesen sein. Also rufe ich einen nach dem anderen an. Allerdings erfahre ich nur, dass keiner der Menschen mein Bruder ist oder ihn kennt.

Etwas niedergeschlagen rufe ich die Frau an, die mir die Telefonnummer gegeben hatte. Schließlich habe ich ihr versprochen, dass ich Bescheid gebe, wie es gelaufen ist. Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Hilfe, erzähle ihr allerdings, dass die Nummer traurigerweise nicht mehr vergeben ist und ich Michael nicht erreicht habe. Und sie fragt mich nur. Soll ich Dir dann vielleicht seine Handynummer geben? Die hätte sie nämlich auch. Bitte was? Warum hat sie mir die Handynummer denn nicht gleich gegeben. Überglücklich notiere ich mir auch diese Nummer und lege schnell wieder auf, damit ich direkt meinen Bruder anrufen kann. Ich wähle die Nummer und eine freundliche Computerstimmer sagt mir: „Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zur Zeit nicht persönlich zu erreichen.“. Selten war ich über eine Bandansage so erfreut wie damals. Das bedeutete nämlich, dass mein Bruder die Handynummer noch besitzt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich an dem Tag und in den folgenden Tagen noch versucht habe, meinen Bruder telefonisch zu erreichen und immer wieder die Bandansage gehört habe. Spätestens da ging mir die Bandansage dann auch wieder auf die Nerven. Also habe ich parallel eine SMS an ihn verschickt. Ja, damals hat man noch SMS verschickt. Da gab es WhatsApp und Co. noch nicht. Ich konnte auch sehen, dass die SMS übermittelt, aber nicht zugestellt worden ist. Nach ein paar Tagen, bzw. ein paar Wochen musste ich mir eingestehen, dass auch dieser Weg nichts bringen würde. Aber ich hatte mir versprochen, dass ich dieses Mal nicht aufgeben würde. Ich würde nicht eher nachgeben, bis ich meinen Bruder gefunden hätte.

Also musste ich eine List anwenden. Ich wusste ja, dass mein Bruder in Olsberg gewohnt hatte oder noch wohnt. Ich würde beim Einwohnermeldeamt in Olsberg anrufen und mich nach ihm erkundigen. Natürlich durfte ich nicht sagen, dass es um eine Adoption geht, denn dann dürfte man mir keine Auskunft geben. Also wähle ich die Nummer vom Einwohnermeldeamt und erkläre der freundlichen Dame, dass ich ein Klassentreffen organisiere und hierfür die alten Schulkollegen suche würde. Ob denn Michael noch in Olsberg wohnen würde. Und dann passiert etwas verrücktes. Die Mitarbeiterin sagt mir wie aus der Pistole geschossen, dass der Michael natürlich noch in Olsberg wohnen würde. Das wüsste sie so genau, weil sie ihn kennt. Bums, das hat gesessen. Endlich hatte ich ihn gefunden oder zumindest war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um „meinen“ Michael handelt. Die Dame sagte mir dann, dass ich ihr die Anfrage kurz per Fax schicken soll. Sie würde mir dann die Information zukommen lassen. Ich weiß noch heute, welcher Tage es war an dem ich die Anfrage abgeschickt habe. Nämlich der 27.01.2005. Warum weiß ich dass so genau? Weil das mein Geburtstag ist und ich mir noch gedacht habe, dass ich noch nie in meinem Leben ein schöneres Geburtstagsgeschenk erhalten habe.

Der 27.01.2005 war ein Donnerstag und bereits zwei Tage später am Samstag hatte ich den Brief vom Einwohnermeldeamt mit der Adresse meines Bruders im Briefkasten. Ich habe meine besten Freund angerufen und wir sind direkt mittags von Gelsenkirchen nach Olsberg gefahren. Was dort passiert ist und ob es sich bei diesem Michael tatsächlich um meinen leiblichen Bruder gehandelt hat, erfahrt ihr dann in meinem nächsten Eintrag.

Wasserrohrbruch in ein neues Leben

Sieben Jahre sind vergangen, seit ich beim Jugendamt gesessen habe und einen Blick in meine Vergangenheit werfen konnte. Was ich damals gesehen habe, hat mich nur noch neugieriger gemacht. Aber leider blieb mir mein sehnlichster Wunsch verwehrt, mehr über meine Vergangenheit und meine leibliche Familie zu erfahren. Dennoch sind es sieben Jahre in denen ich begonnen habe, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinander zu setzen. Zu erkennen, dass mein ganzes Leben lang in mir dieser Glaubenssatz geschlummert hat, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, war auf der einen Seite eine Befreiung. Denn endlich wusste ich, was all die Jahre wie ein schwarzer Schatten über einem Teil meines Lebens gelegen hatte. Diesen Glaubenssatz aber los zu werden, war eine andere Sache. Und damals war ich definitiv noch nicht so weit.

Sieben Jahre später begleite ich meinen besten Freund zu einem Gerichtstermin. Hätte mir an dem Morgen jemand gesagt, dass der Wasserrohrbruch in der Wohnung meines besten Freundes mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, ich hätte es nicht gelaubt. Ich begleite ihn also ins Gericht. Da die Verhandlung nicht öffentlich ist, warte ich nicht im Gerichtsgebäude. Ich könnte mein Zeit doch sinnvoller nutzen. Es ist zwar kurz vor 12 Uhr, aber vielleicht hat das Standesamt ja noch offen. Ich wollte mir schon immer ein individuelles Horoskop erstellen lassen. Allerdings benötigt man dafür seine genaue Uhrzeit. Da meine Eltern und ich diese nicht kennen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen. Vielleicht habe ich ja Glück und das Standesamt ist noch offen. Irgendwie schon komisch, dass ich zum Standesamt muss, obwohl ich doch nur die Geburtsurkunde haben möchte. Kurz vor 12 Uhr betrete ich also das Büro und erkläre der freundlichen MItarbeiterin mein Anliegen. Sie fragt mich dann noch, ob ich eine Geburtsurkunde oder eine Abstammungsurkunde haben möchte. Und da ist diese kleine Vögelchen auf meiner Schulter, dass mir sagt, dass ich die Abstammungsurkunde haben möchte. Und so höre ich mich im nächsten Augenblick sagen, dass ich gerne eine Abstammungsurkunde haben möchte. Die Dame schaut im Computer nach und wird kreidebleich. Ich nehme an, dass Sie vor ihrem geistigen Auge schon das Drama gesehen hat, dass nun gleich stattfinden würde. Es ist kurz vor Feierabend und sie wäre doch so gerne entspannt und in Ruhe ins Wochenende gestartet und jetzt würde sie mir sagen müssen, ja jetzt würde sie mir sagen müssen, dass ich adoptiert bin. Wer weiß, welche Horrorszenarien sich da in Ihrem Kopf abgespielt haben. Da selbst ich diesen Schock in ihrem Gesicht bemerkt habe, beruhige ich sie, indem ich sage, dass ich bereits wüsste, dass ich adoptiert bin und sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Schlagartig entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie beginnt dankbar zu lächeln. Gerne erstellt sie mir die Abstammungsurkunde. Das wird allerdings einen kleinen Augenblick Zeit in Anspruch nehmen, da sie den handschriftlichen Vermerk zu meiner Adoption abtippen muss. Sie holt also diesen großen Ordner mit allen Geburten aus dem Januar 1977 heraus und schlägt diesen auf. Wir beiden sitzen uns genau gegenüber am Schreibtisch. Und als sie ins Nachbarbüro geht, um eine Blanko Abstammungsurkunde zu holen, lese ich, was dort geschrieben steht. Alles stimmt mit dem überein, was mir der Mitarbeiter vom Jugendamt damals erzählt hat. Der Name meiner leiblichen Mutter und das mein leiblicher Vater unbekannt ist. Aber eine Kleinigkeit steht dort, die ich noch nicht wusste. Nämlich die Adresse, an der meine Mutter gewohnt hat, als sie mit mir schwanger war. Also habe ich mir diese Adresse ganz schnell gemerkt. Denn ich hatte von damals noch im Kopf, dass meine Mutter ja in einer Obdachlosensiedlung gewohnt hätte. Und jetzt wollte ich die Chance nutzen, mir das endlich einmal selber anzuschauen. Nachdem ich die Abstammungsurkunde bezahlt und übergeben bekommen habe, verabschiede ich mich freundlich und gehe wieder rüber zum Gericht.

Mein bester Freund schaut mindestens genauso glücklich wie ich. Denn er hat den Prozess gewonnen. Und ich kann ihm genauso glücklich sagen, dass ich nun wüsste, wo meine leibliche Mutter gewohnt hat. Selbstverständlich warten wir nicht lange und fahren gleich dahin. Die Adresse ist ohnehin nur fünf Minuten mit dem Auto entfernt. Als wir dort ankommen geht mein Herz auf. Es ist zwar ein Ortsteil von Bottrop wo viele sozialschwache Familien leben, aber bei weitem keine Obdachlosensiedlung. Es ist eine Siedlung mit kleinen Mehrfamilienhäusern, wie sie typisch für das Ruhrgebiet ist. Es sind Häsuer in denen früher die Bergleute gewohnt haben, mit kleinen Vorgärten in denen die Wäscheleinen gespannt sind und einem kleinen Garten, wo man gemeinsam gesessen hat. Zutiefst glücklich fahre ich mit meinem besten Freund nach Hause. Ich bin so dankbar, dass meine Mutter in einer so netten Umgebung gelebt hat und es ihr anscheinend doch nicht so schlecht ergangen ist, wie ich befürchtet hatte.

Abends ruft mein bester Freund noch einmal an und ich merke, dass er total aufgeregt ist. Und ich höre nur, dass er mir etwas sagen müsste, aber er können es mir nicht sagen? Und ich denke mir nur, was denn nun schon wieder passiert ist und sage ihm, dass er mit mir über alles sprechen kann. Er meint, dann würde ich aber sauer werden. Ich bin schon etwas verwundert, und erkläre ihm, dass ich bestimmt nicht sauer werden würde und er es mir ruhig sagen könnte. Nein, er könne mit mir nicht darüber sprechen, dann würde ich ihn umbringen. So, nun ist meine Neuigerde endgültig geweckt und ich sage ihm, dass wenn er mir nicht augenblicklich erzählt, worum es geht, ich ihn in der Tat umbringen würde. Und dann sagt er mir, dass er wisse, wie meine leiblichen Geschwister heißen. In mir dreht sich alles. Meine leiblichen Geschwister? Wie kommte er denn jetzt darauf und wieso weiß er wie die beiden heißen? Selbst ich habe die Namen niemals erfahren. Ist mein bester Freund nun unter die Hellseher gegangen? Er erzählt mir, dass er alle Leute in dem Haus angerufen hat, dass wir heute mittag noch besichtigt hatten. Das Haus in dem meine Mutter gewohnt hatte, als sie mit mir schwanger war. Und eine Frau hat dort auch schon gelebt, als meine Mutter noch da gewohnt hat. Und daher kannte Sie meine Familie gut. Außerdem hat sie Kontakt zu einer Bekannten, deren Sohn mit meinem Bruder befreundt ist. Mein Bruder war noch vor einem Jahr zu Besuch dort. Aber das soll sie mir alles in Ruhe selber erzählen. Also gibt mein bester Freund mir den Namen und die Telefonnummer der damaligen Nachbarin meiner Mutter. Und ab da begann meine Reise in die Vergangenheit dann erst so richtig. Aber die Geschichte erzähle ich euch dann in meinem nächsten Eintrag.

Eine Achterbahn der Gefühle

Der Termin beim Jugendamt hatte in meinem Unterbewusstsein/ in meiner Seele so vieles ins Rollen gebracht. Zu der Zeit sah es in mir aus wie ein wogendes Meer. Gerade noch hatte eine neue Erknntnis den Sturm in mir abgeflacht und ich kam etwas zur Ruhe, schon türmten sich vor mir neue Wellenberge auf. Ich kann nicht sagen, dass ich zu der Zeit kein lebenswertes Leben hatte. Nach Außen hin lief fast alles so weiter, wie immer. Aber in mir waren diese Kämpfe, um Antworten zu erzwingen. Die Verarbeitung der Themen hat sich bei mir über Jahre hinweg erstreckt. Aber die Wogen wurden über die Jahre kleiner und es ist mir immer leichter gefallen, damit umzugehen. Zu einem anderen Zeitpunkt erzähle ich euch dann auch, was mir dabei geholfen hat, alle Dinge in meinem Leben zu überstehen.

Aber wie ist das so schön, wenn man etwas erzwingen möchte, klappt es nicht. Und so bleib mir nichts anderes übrig, als mich in Geduld zu üben. Habe ich eigentlich schon erzählt, dass Geduld eine meiner größten Stärken ist. Oder eben auch nicht.

Ich bin und war schon immer ein spiritueller aber nicht fanatisch esotherischer Mensch. Schon damals war eine meiner engsten, vielleicht sogar meine einzige Vertraute, meine Relilehrerin. Unsere Freundschaft hatte aber nichts mit der Religion zu tun, sondern gründete sich schon damals auf eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Sie war der Mensch, bei dem es mir gelang, mich anzuvertrauen. Mit ihr sprach ich schon immer über die Mobbing Situation in der Schule (ohne das ich sie bat aktiv einzugreifen), mein ComingOut und eben auch meine Adoptionsgeschichte.

Eines Tages erzählte Sie mir, dass sie bei einem Medium war. Durch dieses Medium hatte sie schon einige Erkenntnisse über sich und ihre Themen gewinnen können. Wer nichts erwartet, hat auch nichts zu verlieren. Also vereinbarte auch ich, allerdings ohne große Erwartungen, einen Termin bei dem Medium. Der Termin fand in einem gewöhnlichen Haus im Ruhrpott statt und mich begrüßte eine ältere Dame. Wir setzten uns bei ihr an den Küchentisch und sie ging in Trance. Zugegeben, wenn ich das heute so schreibe, klingt das schon ein wenig spuky. Das Gute ist nur, dass sie damals eine Aufnahme mit einem Kassettenrekorder aufgenommen hat. Nach über 20 Jahren besitze ich immer noch die Kassette und meinen Walkman, um diese abzuhören.

Wie dem auch sei, ich habe mir vor ein paar Tagen noch einmal die ganze Sitzung angehört. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob die Frau ein Medium war oder einfach nur eine gute Intuition und Verbindung zu Menschen hatte. Auf jeden Fall hat sie mir Dinge gesagt, die heute auch jeder Life Coach sagen könnte. Das konnte ich damals so noch nicht fühlen oder verstehen. Allerdings gibt es eine Sache, die mir schon damals ungemein geholfen hat. Eine meiner Fragen war, wie ich mit dem Termin beim Jugendamt und meinen unbeantworteten Fragen umgehen soll. Gerade meine nicht auffindbaren Geschwister waren ein großes Thema.

Dazu gab Sie mir folgenden Rat. Für meine Gesundung und um Antworten zu finden sei es wichtig, meinen leiblichen Geschwistern zu begegnen. Wenn mir dazu nun im Augenblick nicht die Möglichkeit gegeben ist, dann sollte ich mir meine Geschwister in Gedanken vorstellen und ihnen folgendes sagen: „Ich liebe euch sehr und ich würde euch gerne treffen und mich mit euch austauschen. Leider haben wir gerade nicht die Möglichkeit uns kennen zu lernen. Deswegen gebe ich diesen Wunsch nun ans Universum ab und vertraue darauf, dass wir uns begegen werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Bis dahin seid ihr in meinem Herzen.“

Und ob ihr es glaubt oder nicht, diesen sehnlichen Wunsch abzugeben und dem Universum anzuvertrauen, hat mir tatsächlcih ein Gefühl von Leichtigkeit und Frieden gegeben. Ich war so glücklich, dass ich den Druck nicht mehr in mir spürte und dachte, dass es sich dabei um das größte Geschenk gehandelt hat, was man mir in dem Zusammenhang machen konnte. Damals konnte ich ja noch nicht ahnen, das ich Jahre später durch einen Zufall oder Vorherbestimmung meine leiblichen Geschwister finden sollte. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich zu einem späteren Zeitpunkt erzählen werde.