Ob er sich jemals nochmal meldet?

Ich frage mich, was ich denn überhaupt erwartet habe. MeinBruder hat 32 Jahre lang nicht einmal geahnt, dass es mich gibt. Und auf einmal meldet sich ein wildfremder Mensch bei ihm und sagt ihm, dass er sein Bruder sei. Ich frage mich, wie ich wohl an seiner Stelle reagiert hätte. Das muss doch für ihn ein Schock gewesen sein. Ich hatte sieben Jahre lang Zeit, um mich auf diesen Tag vorzubereiten. Und er wurde von einer Sekunde auf die andere in kaltes Wasser geschmissen. Ich frage mich, ob er mir überhaupt glaubt. Es ist einer der wenigen Momente in meinem Leben, wo das Glas nicht halb voll, sondern halb leer ist. Ich bin absolut davon überzeugt, dass er sich nicht meldet. Zumindest weiß er jetzt, dass es mich gibt.

Und plötzlich, es ist noch nicht einmal 19 Uhr, schellt mein Telefon. Kann das wirklich sein? Sollte mein Bruder mich doch anrufen? Mit zitternder Stimme melde ich mich. Und da ist Michael, der nichts von seinem Ruhrpott Charme verloren hat. Ich weiß noch, dass er mir erzählt, dass er total verwirrt war und das Ganze nicht glauben konnte, sich aber freut, dass ich ihn gesucht habe. Ich sage ihm , dass ich es schade finde, dass er keinen Kontakt mehr zu unserer Schwester hat. Da sagt er mir in seiner typischen Art, dass er heute morgen ja nicht wusste, ob ich „so nen verrückten Spinner“ bin. Selbstverständlich hat er noch Kontakt und gleich mit ihr telefoniert. Sie sei noch skeptischer als er, wäre aber auch an einem Treffen interessiert. Insgesamt telefonieren wir drei bis vier Stunden. Für mich fühlt sich das erstaunlicherweise überhaupt nicht fremd an. Am Ende vereinbaren wir, dass ich am Freitag ins Sauerland fahre und die beiden besuche.

Ich kann immer noch nicht glauben, was da in den letzten Tagen in meinem Leben passiert ist. Mein komplettes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mir das passieren würde. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja auch noch nicht wissen, wie viel mehr sich mein Leben einige Jahre später noch einmal verändern würde. Aber in dem Moment war ich einfach nur glücklich und erleichtert. Und mit diesem Gefühl der Leichtigkeit und Anspannung zugleich, fuhr ich nun also ins Sauerland. Ich weiß noch genau, wie ich in die Straße einbiege, in der Michael auf mich wartet. Und er steht tatsächlich schon auf dem Bürgersteig. Irgendwie krass, dass wir uns so gar nicht ähnlich sehen. Er ist zwar auch groß, aber ein schlacksiger Kerl mit blonden Haaren und blauen Augen. Also genau das Gegenteil von mir. Also den gleichen Vater können wir eigentlich nicht gehabt haben. Und obwohl wir uns noch nie gesehen haben, ist dort dieses ganz starke Gefühl von Familie in mir. Ich steige aus und nehme Michael nach so vielen Jahren endlich in den Armn. Das ist er also mein großer Bruder. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Aber was hatte das Medium vor Jahren zu mir gesagt. Ich solle meinen Geschwistern in Gedanken sagen, dass ich sie liebe und traurig bin, dass ich sie gerade nicht treffen kann. Aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, dann würde wir uns sehen. Und genau jetzt war er, dieser richtige Zeitpunkt. Ich lerne noch kurz seine Freundin und die Eltern seiner Freundin kennen, bevor wir uns ins Auto setzen und zu unserer Schwester fahren. Wir unterhalten uns die ganze Autofahrt über, als hätten wir uns schon immer gekannt. Da ist für mich nichts Fremdes.

Als wir auf den Parkplatz bei der Wohnung unserer Schwester einbiegen, ist dort wieder diese Nervosität. Ich weiß schließlich, wie skeptisch sie mir gegenüber ist. Sie hatte im Vorfeld auch noch mehrmals erwähnt, dass ich auf jeden Fall die Abstammungsukunde mitbringen sollte. Und jetzt betrete ich den Hausflur mit meiner Abstammungsurkunde in der der Hand und gehe hoch zu ihrer Wohnung. Als ich den letzten Treppenabsatz hochkomme und wir uns sehen, halte ich ihr die Abstammungsurkunde entgegen. Doch sie nimmt mich nur in den Arm und sagt, dass ich das blöde Ding weg tun soll. Denn was wir beiden nicht ahnen konnten, dass wir uns verdammt ähnlich sehen. Bei uns merkt man direkt, dass wir Geschwister sind. Auf den Kinderfotos , die sie mir später am Tag zeigt, sehen wir sogar aus wie Zwillinge. Der Tag wird ein Auf und Ab der Gefühle. Ich erfahre, warum die beiden nicht bei meiner Mutter aufgewachsen sind und wie es ihnen in der Zeit ergangen ist. Ich sehe ganz viele Familienfotos und Briefe, die meine Mutter an meine Schwester geschrieben hat. Meine Geschwister erzählen mir, dass sie nichts von mir wussten. Meine Mutter hätte aber immer erzählt, dass die beiden noch eien kleinen Bruder gehabt hätten, den Tim. Aber dieser wäre bei der Geburt gestorben. Also hatte mich meine Mama die ganze Zeit nicht vergessen. Da waren Sie auf einmal die ganzen Antworten auf meine vielen Fragen.

Aber eine Frage gibt es da noch. Wissen die beiden eventuell, wer denn mein Vater ist. Ich erfahre von den beiden, dass es zu dem Zeitpunkt damals wohl zwei Männer im Leben meiner Mutter gegeben hat. Einen türkischen und einen italienischen Mann. Von beiden gibt es auch Fotos, die ich bekomme. Als ich mir diese im Nachgang und auch mit meinen Freunden noch einmal in Ruhe anschauen, kommen wir alle zu der Überzeugung, dass ich dem italienischen Mann ähnlicher sehe. Also bin ich ab jetzt Halbitaliener. Zumindest erklärt das nicht nur mein Temperament, sondern auch meinen Familiensinn.

Wie es mit uns dreien weitergegangen ist und was dieses Treffen in mir noch bewegt hat, erfahrt ihr zu einem späteren Zeitpunkt. Ich kann nur sagen, dass aus mir nun „der Junge mit einer Vergangenheit, der eine Zukunft hatte“ geworden war. Aber da es noch so viel weitere Aspekte gibt, die mich zu dem Menschen haben werden lassen, der ich heute bin, sind jetzt erst einmal andere Kapitel in meinem Leben dran, um euch davon zu erzählen. Denn an der Stelle ist meine Geschichte von Mut, Zuversicht, Dankbarkeit und Liebe noch lange nicht zu Ende.

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