So schmerzlich die Erkenntnis war, dass ich mein ganzes Leben lang den Glaubenssatz hatte, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, so gut war es auch, nun diese Seelen-Baustelle erkannt zu haben. 21 Jahre lang hatte ich also mit diesen Glaubenssätzen gelebt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich noch Jahre gebraucht habe, um dieses Thema wirklich verarbeiten zu können. Irgendwo auch verständlich, dass ein so tief verwurzelter Glaubenssatz nicht von heute auf morgen verschwindet. Außerdem war mir schnell klar, dass ich nicht aktiv daran arbeiten könnte. Wenn ich mich schneide, kann ich die Wunde ja auch nicht aktiv heilen lassen. Ich brauche Geduld und Zeit und die Wunde wird sich irgendwann schließen. Eventuell reißt die Wunde auch noch mal auf, wenn ich diese zu schnell und stark beanspruche. Aber irgendwann wird die Wunde heilen und eine Narbe wird entstehen. Diese Narbe mag am Anfangt noch schmerzen, aber im Laufe der Zeit wird die Narbe immer weiter verblassen. Und irgendwann wird sie als Erfahrung auf unserem Körper bleiben, aber nicht mehr weh tun. Allerdings errinnert sie uns immer daran, dass wir sorgsamer mit uns umgehen müssen, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und so habe ich mir und meiner Seele Zeit gegeben, um zu heilen.
Dabei hat mir geholfen, dass ich von Anfang an über diese Erkenntnis geredet habe. Ich habe diesen Schmerz mit meiner Familie, meinen Freunden oder auch Bekannten geteilt. Natürlich habe ich mich damit auch ein Stück weit verletzlich gemacht. Allerdings war mir schnell klar, dass nur ein offenes Herz helfen kann. Man sagt ja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber irgendwie ist an dem Spruch etwas Wahres dran. Mein Mut und meine Offenheit wurden mit Liebe, Trost und Bestätigung belohnt. Am Anfang fiehl es mir natürlich noch schwer, diesen liebevollen Worten zu glauben. Aber im Laufe der Jahre, haben diese sich manifestiert und sind zu einem Glaubenssatz geworden. Das ist das alte Thema Selbstbild und Fremdbild. Mein Selbstbild ist zum Teil ganz stark von dem abgewichen, wie andere Meschen mich gesehen und empfunden haben.
Der Besuch beim Jugendamt hatte mich natürlich mit so vielen Fragen zurück gelassen. Und was war nun mit meinen Wurzeln, die ich so verzweifelt gesucht hatte. Immer und immer wieder habe ich mir den Kopf zebrochen, wie ich eine Antwort darauf finden kann, wer ich bin und woher ich komme. Zu der Zeit hat es mir stark geholfen, wenn ich im Schutz und der Stille der Nacht mit dem Auto durch das Ruhrgebiet gefahren bin und über mich und mein Leben nachgedacht habe. Eines Nachts war ich wieder zu einer meiner Entdeckungstouren zu mir selbst aufgebrochen. Ich war schon immer ein Mensch mit einem starken Glauben. Ob man das nun Gott, Universum oder was auch immer nennen mag, spielt für mich keine Rolle. Denn mein Glaube ist losgelöst von irgendeiner Religion oder Kirche. Ich sage immer so schön, dass ich zwar an Gott glaube, aber meine Probleme mit seinem Bodenpersonal habe. Wie dem auch sei, in dieser Nacht stand ich nun dort auf einem Parkplatz vor einer der Kohlenhalden. Und plötzlich habe ich oben auf der Halde ein risiges beleuchtetes Kreuz gesehen. Und als ich in dem Moment in den Rückspiegel geschaut habe, traf mich eine Erkenntnis wie ein Blitz. Ich mag ja vielleicht nicht meine leiblichen Eltern kennen, aber jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dort auch ein Stück meiner leiblichen Mutter und meines leiblichen Vaters. Und auch wenn meine (Adoptiv-)Eltern durch ihre Erziehung maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich der Mensch geworden bin, der ich damals war und auch heute noch bin, so haben mir meine leiblichen Eltern doch auch eine Menge mitgeben. Die Liebe zum Leben, die kreative Ader, mein Humor, meine Hilfebereitschaft, vielleicht auch mein Dickkopf und noch so viele Dinge mehr. Ich sah also in den Spiegel und mir liefen Tränen der Erleichterung und des Glücks die Wangen runter. Denn zum ersten Mal habe ich Antworten auf meine Fragen bekommen. Ich wusste auf einmal, dass ich weiterhin Hoffnung haben kann, dass ich meine Fragen beantwortet bekomme. Und dieser Mut und diese Zuversicht haben mich dann immer wieder über all die Jahre durch Höhen und Tiefen begleitet.
Mein Fazit aus dieser Nacht: Und immer wenn Du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ich weiß, was es bedeutet in der Dunkelheit zu Leben oder diese zu spüren. Allerdings weiß ich aber auch, dass das Leben Dir nur so viel zumutet, wie Du auch (er)tragen kannst. Zugegeben, in den Zeiten tiefster Dunkelheit fällt es schwer, daran zu glaube. Aber es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille. Es gibt eben nicht nur die Nacht (die übrigens auch Dein Freund sein kann), sondern es gibt immer wieder den Tag. Und es gibt eben nicht nur dauerhaften Regen, sondern immer wieder Sonnenschein. Und so ist es auch gerade mit Dir. Du magst vielleicht durch ein tiefes und langes Tal gehen, aber irgendwann hat auch dieses ein Ende.



Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte. So habe ich einen Text genannt, den ich mit Anfang 20 über mich geschrieben habe. Aus diesem Satz spricht so viel Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Trauer.