Ein Licht in der Dunkelheit

So schmerzlich die Erkenntnis war, dass ich mein ganzes Leben lang den Glaubenssatz hatte, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, so gut war es auch, nun diese Seelen-Baustelle erkannt zu haben. 21 Jahre lang hatte ich also mit diesen Glaubenssätzen gelebt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich noch Jahre gebraucht habe, um dieses Thema wirklich verarbeiten zu können. Irgendwo auch verständlich, dass ein so tief verwurzelter Glaubenssatz nicht von heute auf morgen verschwindet. Außerdem war mir schnell klar, dass ich nicht aktiv daran arbeiten könnte. Wenn ich mich schneide, kann ich die Wunde ja auch nicht aktiv heilen lassen. Ich brauche Geduld und Zeit und die Wunde wird sich irgendwann schließen. Eventuell reißt die Wunde auch noch mal auf, wenn ich diese zu schnell und stark beanspruche. Aber irgendwann wird die Wunde heilen und eine Narbe wird entstehen. Diese Narbe mag am Anfangt noch schmerzen, aber im Laufe der Zeit wird die Narbe immer weiter verblassen. Und irgendwann wird sie als Erfahrung auf unserem Körper bleiben, aber nicht mehr weh tun. Allerdings errinnert sie uns immer daran, dass wir sorgsamer mit uns umgehen müssen, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und so habe ich mir und meiner Seele Zeit gegeben, um zu heilen.

Dabei hat mir geholfen, dass ich von Anfang an über diese Erkenntnis geredet habe. Ich habe diesen Schmerz mit meiner Familie, meinen Freunden oder auch Bekannten geteilt. Natürlich habe ich mich damit auch ein Stück weit verletzlich gemacht. Allerdings war mir schnell klar, dass nur ein offenes Herz helfen kann. Man sagt ja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber irgendwie ist an dem Spruch etwas Wahres dran. Mein Mut und meine Offenheit wurden mit Liebe, Trost und Bestätigung belohnt. Am Anfang fiehl es mir natürlich noch schwer, diesen liebevollen Worten zu glauben. Aber im Laufe der Jahre, haben diese sich manifestiert und sind zu einem Glaubenssatz geworden. Das ist das alte Thema Selbstbild und Fremdbild. Mein Selbstbild ist zum Teil ganz stark von dem abgewichen, wie andere Meschen mich gesehen und empfunden haben.

Der Besuch beim Jugendamt hatte mich natürlich mit so vielen Fragen zurück gelassen. Und was war nun mit meinen Wurzeln, die ich so verzweifelt gesucht hatte. Immer und immer wieder habe ich mir den Kopf zebrochen, wie ich eine Antwort darauf finden kann, wer ich bin und woher ich komme. Zu der Zeit hat es mir stark geholfen, wenn ich im Schutz und der Stille der Nacht mit dem Auto durch das Ruhrgebiet gefahren bin und über mich und mein Leben nachgedacht habe. Eines Nachts war ich wieder zu einer meiner Entdeckungstouren zu mir selbst aufgebrochen. Ich war schon immer ein Mensch mit einem starken Glauben. Ob man das nun Gott, Universum oder was auch immer nennen mag, spielt für mich keine Rolle. Denn mein Glaube ist losgelöst von irgendeiner Religion oder Kirche. Ich sage immer so schön, dass ich zwar an Gott glaube, aber meine Probleme mit seinem Bodenpersonal habe. Wie dem auch sei, in dieser Nacht stand ich nun dort auf einem Parkplatz vor einer der Kohlenhalden. Und plötzlich habe ich oben auf der Halde ein risiges beleuchtetes Kreuz gesehen. Und als ich in dem Moment in den Rückspiegel geschaut habe, traf mich eine Erkenntnis wie ein Blitz. Ich mag ja vielleicht nicht meine leiblichen Eltern kennen, aber jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dort auch ein Stück meiner leiblichen Mutter und meines leiblichen Vaters. Und auch wenn meine (Adoptiv-)Eltern durch ihre Erziehung maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich der Mensch geworden bin, der ich damals war und auch heute noch bin, so haben mir meine leiblichen Eltern doch auch eine Menge mitgeben. Die Liebe zum Leben, die kreative Ader, mein Humor, meine Hilfebereitschaft, vielleicht auch mein Dickkopf und noch so viele Dinge mehr. Ich sah also in den Spiegel und mir liefen Tränen der Erleichterung und des Glücks die Wangen runter. Denn zum ersten Mal habe ich Antworten auf meine Fragen bekommen. Ich wusste auf einmal, dass ich weiterhin Hoffnung haben kann, dass ich meine Fragen beantwortet bekomme. Und dieser Mut und diese Zuversicht haben mich dann immer wieder über all die Jahre durch Höhen und Tiefen begleitet.

Mein Fazit aus dieser Nacht: Und immer wenn Du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ich weiß, was es bedeutet in der Dunkelheit zu Leben oder diese zu spüren. Allerdings weiß ich aber auch, dass das Leben Dir nur so viel zumutet, wie Du auch (er)tragen kannst. Zugegeben, in den Zeiten tiefster Dunkelheit fällt es schwer, daran zu glaube. Aber es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille. Es gibt eben nicht nur die Nacht (die übrigens auch Dein Freund sein kann), sondern es gibt immer wieder den Tag. Und es gibt eben nicht nur dauerhaften Regen, sondern immer wieder Sonnenschein. Und so ist es auch gerade mit Dir. Du magst vielleicht durch ein tiefes und langes Tal gehen, aber irgendwann hat auch dieses ein Ende.

Und was jetzt?

Der Besuch beim Jugendamt war also damals Tiefpunkt und Wendepunkt zugleich. Das zu erkennen hat dann jedoch noch viele Monate gedauert. Denn erst einmal war ich am Boden zerstört. Ich wollte doch so gerne meine Wurzeln entdecken. Ich war wie eine Blume, die voller Hoffnung war. Und mit nur einem Gespräch hatte der Mitarbeiter des Jugendamtes diese Blume aus dem Boden gerissen und ihr somit jegliche Hoffnung genommen, jemals ihre Wurzeln entdecken zu können.

Da waren nicht nur die ganzen alten Fragen, die schmerzlich an mir nagten: Wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater? Warum bin ich abgegeben worden? Wieso bin ich so, wie ich bin? Wie sehen meine leiblichen Eltern aus? Sehe ich meinen leiblichen Eltern ähnlich? …

Nein, es waren noch so viele neue Fragen hinzu gekommen. Wieso ist mein Vater unbekannt? Ich habe einen äteren Burder und eine ältere Schwester. Warum sind diese nicht auffindbar? Hat meine Mutter wirklich in einer Obdachlosensiedlung gewohnt? Und all die anderen Fragen die mich so quälten.

Alles was in meiner Macht stand, hatte ich getan. Den einzigen Weg, um etwas in Erfahrung zu bringen, den war ich gegangen. Ich war beim Jugendamt, meiner einzigen Informationsquelle, gewesen. Und was blieb mir nun? Nichts. Ich blieb zurück mit all den Fragen, die in meinem Kopf herumspukten. Es fühlte sich so an, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren. Denn es gab nichts, was ich tun konnte.

Doch unter dieser stillen Oberfläche meines Seelen-Sees sollte es anfangen zu brodeln. Denn ich war schon immer ein Mensch, der viele Dinge mit sich selber ausgemacht hat. Auch wenn ich mich nicht aktiv mit den Dingen auseinandersetzen konnte, so war doch mein Unterbewusstsein in Gang gekommen. Mir ist es seitdem ganz oft im Leben passiert, dass ich gemerkt habe, dass es in mir arbeitet, aber ich keinerlei Ahnung habe, was dort passiert. Wie eine Luftblase die im Wasser langsam zur Oberfläche steigt und dort zerplatzt und ihre Erkenntnis freigibt.

Und dann traf mich die Erkenntnis auf einmal wie ein Blitz. Ich hatte diese Gefühle nie bewusst wahrgenommen, aber sie waren immer da und haben sich auf mein Leben ausgewirkt. Ich wusste auf einmal, dass ich mir mein ganzes Leben lang unterbewusst die Schuld dafür gegeben hatte, dass ich abgegeben worden bin. Ich sei es einfach nicht wert geliebt zu werden. Und wenn ich einem Menschen meine Liebe schenke, dann verlässt mich dieser Mensch sowieso wieder. Ich war schlicht und erfgreifend nicht vom Leben gewollt. Das Leben hatte bereits vor meiner Geburt „Nein“ zu mir gesagt. Das erstaunliche war, so grausam und brutal diese Erkenntnis auch war, so groß war auch die Erleichterung, die sie mit sich brachte. Denn endlich konnte ich erkennen, was dort die ganze Zeit an mir genagt hatte. Heute weiß ich, dass noch ein jahrelangter Weg vor mir lag, diese Dinge zu be- und verarbeiten. Und da folgten noch so viele kleine Nebenschauplätze. Allerdings war es auch der Startschuss in die Befreiung. Denn wenn ich in meinem Leben ein Thema benennen konnte, bdeutete dieses auch, dass ich die Chance hatte, dieses zu verarbeiten, bzw. dass ich dem Ganzen den Raum und die Möglichkeit geben konnte zu heilen.

Manchmal kann es von Vorteil sein nicht zu wissen, was das Leben noch so für einen bereit hält und wohin der Weg einen führt. Denn ansonsten könnte man es schon mit der Angst zu tun bekommen, sein Ziel nicht zu erreichen oder gar den Mut zu verlieren. Aber trotz allem, was mir im Leben passiert ist, habe ich eines immer gespürt. Ich gehe meinen Weg schonungslos ehrlich. Da ist nicht immer leicht, denn ich lasse auch Wut, Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung zu. Oder wie mein bester Freund zu sagen pflegt: „Tim, musst Du denn immer den Leidensweg Christi gehen?“ Ja, muss ich. Denn mein Weg ist nicht der des geringsten Widerstandes und somit der einfachste Weg, sondern der ehrliche Weg. Nur so kann ich bei mir bleiben und kann auch die Dinge in meinem Leben erkennen und dauerhaft lösen, die mich so sehr beschäftigen. Und ganz erhlich, ich bin kein Heiliger, kein Messias und auch kein Wunderkind. Ich bin ein ganz einfacher Junge aus dem Ruhrpott, wie so viele andere auch. Und wenn es mir gelungen ist, schlimme und dramatische Dinge in meinem Leben nicht nur hinter mir zu lassen, sondern auch dauerhaft zu verarbeiten., dann wird es Dir auch gelingen. Du wirst in den folgenden Einträgen von mir immer wieder erfahren, dass ich in mir eine ganz tiefe Liebe zum Leben, Dankbarkeit und Hoffnung habe. Oder wie ich sie gerne zusammenfassend nenne: Das Sonnenschein Gen. Diese drei Dinge sind es, die mir im Leben geholfen haben, alles durchstehen zu können. Und Du kannst mir glaube, dass auch ich nicht immer die Hoffnung spüren konnte und erst recht nicht das Vertrauen hatte, dass alles gut werden wird. Aber tief in mir waren diese Gefühle verankert und ich habe in all den Jahren gehört, dieses Gefühl zu entdecken und darin zu leben. Ihr werdet zu einem späteren Zeitpunkt noch erfahren, wie als Jugendlicher die Zauberei mich gerettet hat und mein Leben so entscheident verändert hat. Und hierzu passt gut ein Zitat von Siegfried und Roy: „In uns allen erklingt eine Melodie. Wenn wir sie hören und ihr folgen, führt sie uns zur Erfüllung unserer sehnlichsten Träume.“ Und genau das ist es. Seid mutig und vertraut darauf, dass das Leben so viel mehr für euch bereit hält, als ihr gerade glauben oder fühlen könnt. Denn der Mensch, denn DU bist von Natur aus so veranlagt, dass Du nicht in Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Trauer leben sollst. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen dazu geboren sind in Leichtigkeit zu leben.

Erste Schritte in meine Vergangenheit

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„Wenn ich groß bin, beauftrage ich einen Privatdedektiv und der sucht dann meine Eltern.“ Ich war gerade 21 Jahre alt geworden und wusste in der Zwischenzeit, dass ich gar keinen Privatdedektiv benötige. Ich müsste einfach nur die Telefonnummer vom Jugendamt wählen. Die Nummer zu wählen, wäre einer der größten Schritte, die ich bis dahin getan hätte. Und gerade deswegen hatte ich Angst davor. Wochenlang lag die Telefonnummer vom Jugendamt auf meinem Schreibtisch. So oft hatte ich bereits den Telefonhörer in der Hand und begonnen die Nummer zu wählen. Doch immer war da diese Unsicherheit und Angst, die  mich doch wieder davon abgehalten hat dort anzurufen. Auf der anderen Seite wurden meine Fragen immer mehr. Wie sehen meine Eltern aus? Sehe ich meinen Eltern ähnlich? Habe ich noch Geschwister? Warum bin ich abgegeben worden? Wie sind meine Eltern? Was habe ich von meinen Eltern? Schließlich wurde meine Sehnsucht so groß, dass ich endlich den Mut aufbrachte, beim Jugendamt anzurufen. Ich erklärte dem Mitarbeiter, dass ich adoptiert worden bin und ich in meiner Familie auch sehr glücklich sei und alles in Ordnung ist. Trotzdem würde ich gerne etwas über meine leibliche Familie, über meine Wurzeln erfahren.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt macht mit mir einen Termin für ein paar Tage später aus, da er sich erst einmal meine Akte heraussuchen und anschauen müsste. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie ich die Zeit des Wartens hinter mich gebracht habe. Ich weiß nur noch, dass ich eines Tages mit weichen Knien und ziemlich nervös das Jugendamt betreten habe.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt war sehr freundlich und bat mich Platz zu nehmen. Er fragte mich, ob ich denn ggf. auch eine schlechte Nachricht verarbeiten könnte. „Cool“ oder besser gesagt unbedarft wie ich war, antwortete ich, dass ich damit überhaupt kein Problem hätte.

An das Gespräch von damals habe ich nur noch wenig Erinnerungen. Aber ich höre heute noch, wie der Mann sagt, dass meine Mutter verstorben ist, als ich 18 Jahre alt war, mein Vater sei unbekannt und ich hätte eine ein Jahr ältere Schwester und einen vier Jahre älteren Bruder. Zu beiden lägen aber keine Informationen vor. Meine Mutter hätte schon während der Schwangerschaft gesagt, dass sie mich abgeben möchte. Und ich meine mich noch daran zu erinnern, dass er gesagt hat, dass meine Mutter zuletzt in einer Obdachlosensiedlung gelebt hätte. Viel mehr Informationen dürfte oder könne er mir nun auch nicht mehr geben. Er hat mir dann noch den Namen meiner Mutter verraten und auf welchem Friedhof sie begraben liegt. Er hatte extra mit der Friedhofsverwaltung telefoniert um mir die Grabnummer geben zu können, falls ich meine Mutter besuchen wollen würde. Die Namen meiner Geschwister dürfe er mich nicht geben. Ich habe ihn dann gebeten, ob er nicht noch einmal telefonieren können, um zu recherchieren, ob er nicht doch etwas über den Verbleib meiner Geschwister in Erfahrung bringen könne. Das hat er dann bereitwillig getan, musste aber aufgeben, da keine weiteren Informationen zu erhalten waren. Ich bedankte mich und ging nach Hause.

Und da war ich nun. Ich hatte eine tote Mutter, einen unbekannten Vater und zwei ältere Geschwister, die nicht auffindbar waren. Es waren also nicht nur meine Fragen nicht beantwortet worden, sondern ich war mit mehr Fragen aus dem Gespräch gegangen, als ich zu Beginn überhaupt gehabt hatte. Und was war mit dem coolen Typen? Ich bin total zusammengeklappt. Ich habe resigniert und war verzweifelt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja noch nicht ahnen, dass dieser Tag der Aufbruch in ein neues Leben sein sollte. Und der Beginn einer Reise in mein eigenes Leben, in meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Aber davon erzähle ich euch dann in meinem nächsten Blogeintrag.

 

Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte

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Heute gibt es für euch einen Text, den ich vor 18 Jahren, also mit 24 Jahren geschrieben habe. Als ich den Text gerade noch einmal gelesen habe, war mir klar, dass es dazu in diesem Blog Eintrag keine Erklärung geben wird. Wie es dazu gekommen ist, erzähle ich euch beim nächsten Mal.

„Der Junge ohne Vergangenheit, der seine Zukunft suchte!“ – Ein Satz, der scheinbar wie jeder andere ist. Doch für mich bedeutet er mehr. In ihm liegt mein Leben. Diese acht Worte spiegeln meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft wieder.

Ich kann mir vorstellen, dass ihr das jetzt nicht verstehen werdet. Wenn ich keine Vergangenheit und keine Zukunft habe, dann kann ich doch nur eine Gegenwart haben. Aber wie kann ich eine Gegenwart haben, wenn ich keine Vergangenheit und auch keine Zukunft habe? Es gibt keine Vergangenheit, aus der ich kommen könnte. Aus diesem Grund habe ich auch keine Gegenwart. Aber wenn ich keine Gegenwart habe, dann kann ich auch keine Zukunft haben. Also existiere ich nicht.

Aber dennoch lebe ich doch! Formuliere diese Gedanken über mich!

In der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende, ist das Land „Phantasien“ von einer unheimlichen Macht, dem „Nichts“ heimgesucht worden. In dem „Nichts“, dieser gähnenden Leere, konnte nichts existieren. Es gab nicht einmal den Tod. Alles was es verschlang, war einfach nie dagewesen.
So ein Gefühl ist es auch, was ich verspüre, wenn ich an meine Vergangenheit denke. Ich sehe zwar nicht das „Nichts“, allerdings sehe ich das große „NEIN“. Ich sehe, daß die Menschen noch bevor ich geboren worden bin nein zu mir gesagt haben. Es ist unwiderruflich die Entscheidung gegen mich getroffen worden.

Ich persönlich hätte mir lieber das „Nichts“ ausgesucht. Für mich ist es erträglicher ich hätte niemals existiert, als dass ich nicht gewollt und abgeschoben worden bin. Man hat einfach nein zu mir gesagt. Wo ich die Zeilen hier schreibe, wird mir das ganze Ausmaß dessen, was ich gerade gesagt habe erst so richtig bewusst. Das bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass ich mir eigentlich wünsche, dass mich meine Mutter abgetrieben hätte. Wie tief muss ich verletzt sein und was für ein große Trauer und Wunde in meiner Seele muss ich haben, um mir so etwas zu wünschen.

Etwas wird mir in diesem Augenblick bewusst. Ich habe sowohl eine Vergangenheit, wie auch eine Gegenwart, als auch eine Zukunft. Sobald ich Frieden schließe mit meiner Vergangenheit und meiner Mutter, finde ich meine Gegenwart und auch meine Zukunft. Ich werde erkennen, dass ich diese Dinge eigentlich schon die ganze Zeit gehabt habe. Ich habe mir mein Leben nur durch Trauer, Kummer, Selbstvorwürfe und Hass so zugeschüttet, dass ich bisher eigentlich nie wirklich gelebt habe. Ich habe immer versucht, mir die Schuld an allem zu geben und mich zu verletzen wo ich kann.
Allerdings müßte bereits alleine die Tatsache, dass ich lebe ausreichen, um mir zu zeigen, wie sehr ich gewollt und geliebt worden bin. Ich bin so sehr geliebt und gewollt worden, dass mich meine Mutter sogar entgegen aller widrigen Umstände zur Welt gebracht hat und ich das Glück hatte in einer ganz tollen Familie mit viel Liebe aufzuwachsen. Gott, das Universum, meine Mutter und meine Eltern haben mich so sehr gewollt, dass ich jetzt hier auf dieser Welt bin.

Dennoch habe ich mir unbewusst mein ganzes Leben lang die Schuld daran gegeben, dass ich damals abgegeben worden bin. Ich habe mir sogar „eingeredet“, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden und die Menschen, denen ich mein Herz schenke, mich sowieso wieder abschieben und nicht wollen.

Mama, wo kommen die Babys her?

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„Mama, wo kommen denn die Babys her?“ fragte ich eines Tages. Keine Ahnung, wie alt ich genau war, als ich diese Frage gestellt habe. Das muss im Kleinkindalter gewesen sein. Das ist eine Frage, die täglich mit Sicherheit hunderte von Kindern Ihren Eltern stellen? Meine Mama antwortete also „Aus dem Bauch.“. „Und bin ich auch aus Deinem Bauch?“.

Ich weiß nicht, ob meine Mama Angst vor der Frage hatte. Aber meine Eltern hatten beschlossen, wenn diese Frage aufkommt, würden Sie mir die Wahrheit sagen. Das war der Augenblick in dem ich erfahren habe, dass ich nicht im Bauch meiner Mama gewachsen bin. Es war das erste mal, dass meine Eltern mir erzählt haben, dass sie keine eigenen Kinder bekommen konnten. Und dann war dort diese Frau, der es nicht möglich war, mich groß zu ziehen. Sie wollte aber, dass ich ein glückliches Leben und Eltern haben sollte. Also hat sie mich nach meiner Geburt meinen Eltern übergeben und sie gebeten, gut auf mich aufzupassen und die besten Eltern für mich zu sein, die es geben konnte. So oder so ähnlich ist das Gespräch damals abgelaufen.

Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie aus meiner Adoption kein Geheimnis gemacht haben, sondern immer offen und ehrlich mit mir umgegangen sind. Es gab kein Tabu und ich konnte immer mit meinen Eltern sprechen. So konnte ich gut behütet und voller Liebe groß werden. Und auch meine Eltern konnten in Ihrem Freundes-, Bekannten- und Kundenkreis ganz ungezwungen mit dem Thema umgehen. Das Ganze hatte eben eine Normalität und Selbstverständlichkeit.

Dennoch hat mich meine Adoption immer beschäftigt. So haben mir meine Eltern erzählt, dass ich als Kind immer gesagt habe, dass wenn ich groß bin, ich einen Privatdedektiv engagiere und der würde dann meine leiblichen Eltern suchen. Nicht weil ich nicht glücklich gewesen bin, sondern weil ich immer schon auf der Suche nach meinen Wurzeln gewesen bin.

Mit meiner Adoption hatte ich nie Probleme und war immer stolz darauf. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich als Kind mit meiner Tante, der Schwester meines Vaters, ein paar Tage alleine im Skiurlaub war. Wir hatten gerade unsere Mittagspause in einer Almhütte beendet und wollten wieder auf die Piste, als uns ein Mann angesprochen hat. „Ist das ihr Sohn?“ fragte er und meine Tante antwortete „Nein, das ist mein Neffe.“. Der Mann entgegnete „Mann sieht auf jeden Fall, dass Sie verwandt sind, ihr Kleiner sieht ihnen ja so ähnlich.“. Das war der Moment in dem ich Steppke nach vorne getreten bin und im Brustton der Überzeugung gesagt habe, dieses können ja gar nicht sein, denn schließlich sei ich ja adoptiert. Ich weiß, dass das meiner Tante etwas unangenhem war, aber so einfach war das für mich eben.

Ich konnte unbeschwert über meine Adoption sprechen, da ja nie ein Geheimnis daraus gemacht worden ist und es auch nicht die Spur eines Makels an sich hatte. Als ich sechs Jahre alt war, haben meine Eltern dann die Chnace bekommen ein zweites Baby zu adoptieren. Und als mein Bruder alt genug war und ähnliche Fragen wie ich damals gestellt hat, war es natürlich ich, der meinem kleinen Bruder verkündete, dass er etwas ganz Besonderes sei, weil er nicht aus dem Bauch von unserer Mama gekommen ist.

Das Geheimnis des Seitenleisten-Text-Widgets

Als Kind hatte ich noch einen Plattenspieler und einen Viedeorekorder. Als Teenager kamen gerade die ersten Computer auf den Markt und ich kennen noch das wundervolle Geräusch des Modems, wenn es sich eingewählt hat. Stolz habe ich meine Musikkassetten mit dem Walkman abgespielt.

Ihr merkt also, man kann nicht gerade behaupten, dass ich ein Digital Native bin. Die sozialen Medien benutze ich bis jetzt nur zum Spaß und einen Blog habe ich noch nie betrieben.

Das beste Beispiel hierfür ist das omniöse Seitenleisten-Text-Widget. Ich musste erst einmal googlen, was sich hinter diesem Ungetüm denn verbrigt. Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nach meiner Recherche noch nicht genau. Was ich damit sagen möchte? Bitte habt Geduld mit einer Blog-Jungfrau wie mir. Wer an dieser Stelle einen perfekt inszenierten Blog erwartet, wird mit Sicherheit sein blaues Wunder erleben, aber keine Perfektion. Dafür muss ich mich in den nächsten Wochen ersteinmal mit den Funktionen hier vertraut machen.

Was ich allerdings sagen kann, dass ich eine Botschaft, dass ich etwas zu erzählen habe. Und das möchte ich anfangen, mit euch zu teilen. Und da nehme ich es dann auch gerne in Kauf, dass mein wundervolles Seitenleisten-Text-Widegt noch mit einem Platzhalter ausgefüllt ist. Ich bin allerdings guter Hoffnung, dass auch ich demnächst im 21. Jahrhundert ankommen werde. Das war es dann auch erst einmal heute von mir. Ich wünsche euch allen einen schönen Abend.

Erster Blogbeitrag

fb_img_1544044126292Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte. So habe ich einen Text genannt, den ich mit Anfang 20 über mich geschrieben habe. Aus diesem Satz spricht so viel Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Trauer.

Heute, gut zwanzig Jahre später, läuft mir beim Schreiben dieser Zeilen ein kalter Schauer über den Rücken. Noch immer kann ich spüren, wie ich mich damals gefühlt habe. Und ich weiß genau, dass es auch heute auf meinem Lebensweg noch Baustellen gibt, an denen ich arbeite. Aber da ist etwas, das so viel größer ist, als die Gefühle von damals. Es ist das Sonnenschein-Gen, dass ich in mir trage. Wer nun bei Wikipedia nachschaut, was denn das Sonnenschein-Gen ist, wird dazu – und auch nirgendwo anders – einen Eintrag zu finden.

Es ist ein Gefühl, eine Lebenseinstellung, ein Glaubenssatz, den ich in mir erkannt habe. Es ist die Quelle für (m)ein glückliches, erfülltes und gesundes Leben. Es ist die Kraft, die mich durch die Untiefen meines Lebens begleitet hat.

Ich habe aus meiner Vergangenheit, meinen Erlebnissen und Gefühlen nie ein Geheimnis gemacht. Aber in diesem Blog nun meine ganz private Lebensgeschichte nicht nur öffentlich zu erzählen, sondern auch nieder zu schreiben, kostet doch irgendwie Überwindung. Wenn es mir damit aber gelingt auch nur einem von euch Hoffnung zu schenken, dann ist es alle Zweifel und Ängste wert. Ich wünschte ich hätte damals jemanden gehabt, der mir vom #dassonnenscheingen erzählt. Dann wäre manche dunkle Wolke mit Sicherheit schneller vorbei gezogen.

In diesem Blog erfahrt ihr von meinen Gefühlen „nichts wert“, „nicht gewollt“ und „nicht liebenswert“ zu sein. Was meine Adoption mit neun Tagen, mein Mobbing in der Schule, mein Coming Out und mein Leben als dicker Mensch damit zu tun haben. Es handelt von der Suche nach meinen Wurzeln, des Findens meiner leiblichen Geschwister und des Verlustes meines Bruders durch seinen Freitod.

Es ist aber vor allen Dingen die Geschichte von Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Bei aller Tragik zeigt es euch ein Leben voller Lachen, Glück und Leichtigkeit. Und wer weiß, vielleicht entdeckst Du im Laufe der Zeit ja sogar auch das Sonnescheingen in Dir.

Ich wünsche euch, aber vor allen Dingen mir, viel Spaß auf dieser Reise meines Lebens.