Wenn Liebe nicht genug ist

Mein Unterbewusstsein und meine Seele wissen ganz genau, wenn Sie etwas möchten oder eben auch nicht. Daher sitze ich nun hier und versuche seit langer Zeit mal wieder einen Eintrag zu schreiben. Wie odt ich den Text nun schon gelöscht und wieder angefangen habe, kann ich kaum zählen. Denn etwas in mir möchte gerade nicht, dass ich mich mit mir auseinander setze oder gar darüber schreibe. Dennoch versuche ich es mal.

Zu meiner Schulzeit hat meine Religionslehrerin uns mal gesagt, dass wir uns selber lieben müssen, bzw. lernen müssen uns selber zu lieben. Ich konnte das damals nicht verstehen und habe gar nicht gewusst, was damit gemeint war. In den darauf folgenden Jahren ist mir dann bewusst geworden, was es bedeutet sich selber zu lieben und warum das so wichtig ist. Und ich dachte auch, dass ich gelernt hätte, mich selber zu lieben. Heute stelle ich fest, dass dieses nur die halbe Wahrheit ist.

Natürlich liebe ich mich, allerdings ist es eben keine bedingungslose Liebe. Zum einen knüpfe ich die Liebe an mich selber an so viele Dinge. Ich muss so oder so sein. Ich muss mich so oder so verhalten. Und so weiter. Und manchmal ist selbst diese Liebe eben nicht genug.

Obwohl ich es besser wissen müsste und mich die Erfahrungen der Vergangenheit eines besseren belehrt haben müssten, ist immer noch das Gefühl da, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden. Und zwar von mir selber. Ich trage das Sonnenscheingen in mir und das Leben oder das Universum meines es wirklich sehr gut mit mir. Immer wenn mein Leben zu gut wird, kommt diesese Teufelchen zum Vorschein, dass mir sagt, dass ich es nicht verdient habe. Und da ich es ja nicht ändern kann, dass das Leben es so gut mit mir meint, fange ich dann an, mir das Leben selber schwer zu machen.

In meinem Fall ist Essen die Wahl der Qual. Je mehr ich wiege, desto unbequemer wird das Leben für mich. Ich bestrafe mich damit für das ganze sehr gute Leben, das mir geschenkt wird und mich umgibt. Und durch das Gewicht kann ich eben auch nicht die Fülle des Lebens genießen. So gelingt es dem kleinen Teufelchen in mir, dass ich anstatt eines sehr guten Lebens, eben nur ein gutes und zum Teil beschwerliches Leben führe.

Was mich aber am meisten ärgert, dass ich herausgefunden habe, warum ich mich so verhalte, wie ich mich verhalte und warum mein Gewicht so hoch ist, wie es eben ist. Aber trotzdem gelingt es mir noch nicht, mich dauerhaft von diesem Verhalten und den Glaubenssätzen zu befreien. Ich habe es mit Affirmationen, Vergebung und so vielen anderen Dingen versucht. Aber aktuell gelingt es mir noch nicht, wirklich loszulassen.

Es mag für Außenstehende komisch klingen, aber es hat mich unglaublich viel Kraft gekostet, diesen Beitrag zu verfassen. Abschließend lasst euch noch sagen, dass ich aber nicht aufgebe. Ich werde weiterhin versuchen herauszufinden, wie ich diese falschen Glaubenssätze loswerde, um endlich ein erfülltes, befreites und sehr gutes Leben führen zu können.

Selbstmord auf Raten

Meinen kleinen Blog schreibe ich aktuell nur für mich und bin verwundert, dass sich doch ab und zu jemand hier hin verirrt. Ich bin so privat und ehrlich wie es nur irgendwie geht, da ich mich freuen würde, wenn meine Geschichte den ein oder anderen inspiriert an Glück, Hoffnung und Liebe zu glauben.

Und für mich persönlich ist es ein Aufarbeiten dessen, was in meinem Leben passiert ist. In den letzten Einträgen habe ich darüber geschrieben, wie das Leben ist, wenn man Fett hat. Ich schreibe nicht „fett ist“, da das für mich einen unveränderlichen Zustand beschreibt. Und ich will einfach glauben, dass ich das doch eines Tages in den Griff bekomme.

In den letzten Monaten ist viel passiert. Das erste Mal in meinem Leben besuche ich virtuell eine Selbsthilfe Gruppe für Menschen mit Essstörungen und Esssucht. Nach unserem Treffen gestern habe ich mit einer ganz lieben Person aus der Gruppe telefoniert. Wir haben wieder über mich gesprochen. Ich habe ihr erzählt, dass mich meine unbändige Liebe zum Leben durch alle Zeiten getragen hat.

Worauf sie gesagt hat, dass da irgendwas nicht stimmen kann, denn wenn diese Liebe zum Leben wirklich so groß wäre, würde ich mich und meinen Körper nicht so behandeln. Und damit hat sie vollkommen Recht. Es mag ja so sein, dass ich aktuell keine großen körperlichen Gesundheitsschäden habe. Aber mir ist in dem Gespräch bewusst geworden, dass ich nichts anderes mache, als einen Selbstmord auf Raten. Diese Erkenntnis wirkt wie ein Paukenschlag in mir. Ich habe so viel durchlebt und verarbeitet. Ich lebe ein gutes Leben und bin glücklich. Aber auf der anderen Seite behandle ich meinen Körper so, dass mich das eines Tages umbringen wird. Und ich kriege es nicht dauerhaft in den Griff. Wie kann das beides zusammen gehen? Also ich bin noch nicht dahinter gekommen.

Ich weiß nur, dass dieser Selbstmord auf Raten bedeutet, dass ganz tief in mir und unentdeckt anscheinend doch noch der Gedanke ist, dass ich es nicht wert bin zu leben. Woher das kommt, kann ich noch nicht sagen. Vor allen Dingern, weil ich es nicht fühlen kann. Ich sitze hier, lache und erfreue mich am Leben. Doch gleichzeitig fresse ich mich zu Tode. Wie kann das sein?

Ich bin sehr gespannt, ob und wann ich hinter dieses Geheimnis komme. Auf jeden Fall gäbe ich gerade genügend Fragen mit auf den Weg bekommen, um weiter an mir zu arbeiten und zu wachsen.

Der fröhliche Dicke

Ich glaube es gibt zwei Arten von übergewichtigen Menschen. Die einen ziehen sich immer weiter zurück und nehmen irgendwann kaum mehr am Leben teil. Zu denen gehöre ich definitiv nicht. Die anderen überspielen ihr Gewicht indem sie immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ständig gute Laune haben. Zu dieser zweiten Sorte gehöre definitiv ich. Wobei man sagen muss, dass mir in diesem Fall geholfen hat, dass ich von Natur aus ein richtiger Sonnenschein bin und ohnehin immer gute Laune habe. Somit musste ich das noch nicht einmal spielen. Schwierig wird es dann, wenn Du auch dann diese Fassade aufrecht erhältst, wenn es Dir nicht gut geht und Dir eigentlich nicht zum Lachen ist. Damit wir uns nicht falsch verstehen, das Letzte was ich hier machen möchte ist zu jammern. Denn auch wenn es nicht einfach ist, weiß ich doch, dass es ganz alleine an mir liegt, diese Situation zu ändern. Trotzdem möchte ich euch gerne zeigen, wie es in einem Menschen aussehen kann, wenn er euch anlacht.

Mir ist das erste Mal als Jugendlicher bewusst geworden, was es bedeutet, aufgrund seines Gewichtes beurteilt und verurteilt zu werden. Und dabei ging es noch nicht einmal um mich selber. Als Jugendlicher hatte ich auch ein paar Kilo zu viel auf der Waage. Allerdings hielt sich das noch in Grenzen. So war ich als Jugendlicher immer ziemlich sportlich. Ich habe ein aktives Leben geführt, war im Winter Skifahren und auch eine zeitlang im Schwimm- und Judoverein. Aber so richtig Spaß hat mir Tennisspielen gemacht. Ich habe jede Woche Tennisstunden gehabt und habe sogar eine zeitlang im Verein in der Mannschaft gespielt. Im Verein gab es den Sohn eines Mitgliedes, der ein paar Jahre älter war als ich. Und er hat deutlich mehr gewogen als ich. Auch wenn ich heute weiß, dass er damals nicht annähernd so viel gewogen hat wie ich heute. Ich weiß aber, was ich damals für ein Bild von ihm hatte und wie die Leute zum Teil über ihn gesprochen haben. Und ich habe mir damals gesagt, wie froh ich bin, dass ich nicht so dick bin wie er. Heute wünschte ich, ich würde so viel wiege, wie er damals. Wie sich die Zeiten doch ändern. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie Übergewicht zur Ausgrenzung führen kann.

Viele viele Jahre später saßen wir bei einem Familientreffen zusammen und ich habe von meiner Arbeit als Veranstaltungskaufmann bei einem Open Air Theater erzählt. Und irgendwann hat ein Onkel von mir dann gesagt, dass ich aufgrund meines Übergewichts doch nie wirklich erfolgreich in meinem Beruf sein könnte. So etwas hatte ich bis dahin noch nie in meinem engeren Umfeld, geschweige denn von meiner Familie gehört und ich war total perplex. Ich weiß noch, dass ich gesagt habe, dass er sich dort gewaltig täuscht, da ich sowohl mit der Stadt, Presseagenturen, Künstlern und deren Management erfolgreich verhandle. Danach war das Thema dann auch durch für mich.

Ich weiß, dass in einer Gärtenrei der kleine Sohn der Inhaberin im Beisein seiner Mutter gesagt hat, dass ich ja ziemlich dick bin. Wie sagt man so schön, Kindermund tut Wahrheit kund. Der Besitzerin war das ziemlich peinlich. Ich habe relativ cool reagiert und nur gesagt, dass er damit ja recht habe und ich das wahrlich nicht leugnen könnte.

Das ganze fand allerdings vor ein paar Wochen seine Krönung. Ich wollte mir einen neuen Bürostuhl für zuhause aussuchen und war in einem Fachgeschäft. Die Abteilung für Bürostühle war dort in der hintersten Ecke und noch mit einem Sichtschutz abgetrennt. Also fing ich an, in aller Ruhe die einzelnen Stühle zu testen. Dabei habe ich natürlich nicht auf die angegeben Höchtsbelastungsgrenze geachtet, für die die Stühle ausgelegt sind. Abgesehen davon, dass man mit 175 kg ohnehin keinen Bürostuhl findet, der dafür getestet ist. Ich saß also gerade in einem der Stühle, als eine Verkäuferin um die Ecke kam und mich fragte, was ich dort mache. Keck wie ich bin meinte ich, dass ich nur kurz Mittagspause mache, da die Stühle hier so gemütlich sind. Im gleichen Atemzug habe ich dann aber auch gesagt, dass ich einen neuen Bürostuhl suche. Immer noch in meinem Bürostuhl sitzend meinte die Verkäuferin dann zu mir, den aber nicht, den verkaufe ich ihnen nicht. Der wäre nicht für mein Gewicht ausgelegt. Sie hat mir dann Bürostühle gezeigt, die für ein höheres Gewicht ausgelegt sind. Diese kosteten dann allerdings auch ab 300 Euro aufwärts und ich habe ihr mitgteilt, dass ich soviel Geld nicht ausgeben möchte. Woraufhin sie meinte, dass sie mir natürlich auch einen billigeren Stuhl verkaufen würde. Dann müsste sie nur auf der Rechnung vermerken, dass ich aufgrund meines Übergewichtes keine Garantie auf die Federung des Stuhls bekomme. Ich habe mich in dem Moment so hilflos, klein und gedemütigt gefühlt, wie noch nie in meinem Leben. Ich war den Tränen nahe und mich hat die ganze Situtation im tiefsten meiner Seele getroffen. Zur Verteidigung der Verkäuferin muss ich allerdings sagen, dass diese wirklich freundlich war und nur um mich besorgt. Da sie merkte, wie ich mich fühle habe ich dann am Ende sogar auf einen der mittelpreisigen Stühle einen großen Rabatt bekommen, sodass ich am Ende nicht mehr für den Stuhl bezahlt habe, wie ich auch für die günstigen ausgegeben hätte. Trotzdem war das eine Situation, die ich so nie vergessen werde.

Und dann gibt es die vielen Dinge, auf die ich im Leben verzichte oder die mir Angst machen:

– Ich habe Angst Menschen aus meiner Kindheit und Schulzeit zu begegnen, weil ich mich so für mein Gewicht so sehr schäme.
– Ich habe seit Jahren weder beruflich noch privat Flugreisen gemacht, da ich kaum in den Sitz passen würde und eine Gurtverlängerung bräuchte.
– Ich fahre keinen Zug und nur zur Not ÖPNV, da ich auf meinem Sitz auch halb auf dem Vordermann hänge.
– Ich bin Veranstaltungskaufmann und Künstler aus tiefstem Herzen. Früher bin ich gerne zu Veranstaltungen gegangen. Heute schäme ich mich, mich in die kleinen Sitze zu pressen.
– Wenn wir bei Bekannten eingeladen sind, wo wir noch nie zuhause waren, frage ich mich, ob ich dort sitzen kann und mich die Stühle aushalten.
– Einfach in einen Biergarten oder ein Straßencafé gehe, ist für mich nicht möglich, da ich nie weiß, ob ich in die Stühle passe. Wir müssen halt solange suchen, bis es irgendwie passt.
– Im Haushalte kann ich die normalen Leitern nur mit äußertster Vorsicht benutzen, da diese nicht für mein Gewicht ausgelegt sind.
– Ich kann nicht Segway fahren, da ich zu schwer bin.
– Ich kann in keiner Hängematte liegen, da ich zu schwer bin.
– Ich war schon seit Jahren nicht mehr in unserer Badewann. Gut, ich passe vielleicht noch rein, aber der Eimer Wasser, der dann noch Platz in der Wann findet, verspricht nun wahrlich kein entspanntes Badevergnügen.
– Von meinen Toilettenbesuchen möchte ich euch erst gar nicht erzählen.
– Mein normales Fahrrad kann ich nicht fahren. Als ich das das letzte Mal versucht habe, hat mein Gewicht den Sattel nach unten gedrückt.
– Ich kann auf der Kirmes oder im Freizeitpark in kein Fahrgeschäft, da der Sicherheitsbügel nicht zugehen würde.
– Ich habe irgendwann aufgehört Ski zu fahren, da man für das Einstellen der Bindungen sein Gewicht, also sein echtes Gewicht angeben muss.
– Ich bin früher getaucht. Heute gibt es keinen Neoprenanzug in meiner Größe.
– Ich würde gerne mal einen Klettergarten ausprobieren, aber wer soll mich denn dabei sichern.
– Im Urlaub hätte ich gerne mal Tandemparagliding gemacht, das aber aufgrund des Gewichtes ausgeschlossen ist.
– Wenn ich ins Kino gehe, kaufe ich schon immer einen Platz mehr, damit ich auch wirklich genügend Platz habe.
– Auch wenn ich mich attraktiv finde und auf meinen Körper stolz bin, gefällt mir das Übergwicht trotzdem nicht.
– Geh mal Klamotten in 5XL einkaufen. Da ist wirklich kein Spaß.
– Im linken Bein habe ich Krampfadern, die ggf. mal operiert werden müssten. Das würde ich aber nie machen, da ich weder in Narkose gelegt werden möchte, noch dem OP Personal zumuten möchte mich vom Bett auf den OP TIsch zu hieven und zurück.
– Zum Glück bin ich kerngesund. Aber ich habe immer im Hinterkopf, was denn ist, wenn mir mal etwas passiert. Mich kriegen zwei Sanitäter nicht so einfach transportiert. Da müsste schon ein Spezialtransport kommen.
– Ich habe früher Fotos von mir geliebt. Heute gehen noch Portaitfotos, wenn ich die stellen kann. Alles andere finde ich furchtbar.
– Und es ist immer die Angst da, das etwas unter mir zerbrechen könnte.
– Es ist immer die Angst da, was nun andere Menschen über mich denken, wenn sie mich das erst mal kennen lernen.
– Ich leben nicht annähernd ein so freies und unbeschwertes Leben, wie ich es mir für mich wünschen würde.

Die Liste könnte ich noch lange weiterführen, aber ich denke, sie gewährt einen guten Einblick in mein Seelenleben.

Allerdings möchte ich diesen Beitrag auch mit ein paar Mut machenden Worten beenden. Das mag sich so gelesen haben, als würde ich komplett isoliert und zurückgezogen leben. Dem ist allerdings nicht so. Ich leben mein Leben ganz normal wie jeder andere von euch auch. Ich habe tatsächlich den Vorteil, dass man mein Gewicht nicht so stark wahrnimmt, wie ich es selber fühle. Dank meines Sonnenscheingens habe ich eine Präsenz und Ausstrahlung, dass ich gleich einen Raum fülle und Menschen für mich einnehmen kann. Seit ich ein Teenager bin stehe ich auf der Bühne und zaubere, bzw. mache Moderationen. Ich liebe es mit Menschen zu interagieren, Menschen zu unterhalten und zu begeistern. Aber all das tue ich eben trotz oder mit meinen Ängsten und Zweifeln im Hinterkopf. Ich werde diesen Beitrag ruhig schon einmal veröffentlichen, muss ihn mir aber in ein paar Tagen noch einmal in Ruhe anschauen, da ich nicht möchte, dass hier ein falsches Bild von mir entsteht. Denn weder bin ich ein Opfer meiner selbst, noch sehe ich mich so.

Wenn die Seele hungert

Bislang hat meine Adoption und die Suche nach meinen Wurzeln einen großen Teil meiner Geschichte hier eingenommen. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit damit anzufangen, da diese Erfahrungen und Gefühle in meinem Leben auch ganz starke Auswirkungen auf viele andere Bereiche meines Lebens gehabt haben und noch haben. Die Geschichte meiner Adoption sieht man mir nicht an. Wenn man mich gut kennt, mag man in der Vergangenheit eventuell Verhaltensweisen bemerkt haben, die auf meine Adoption zurück gehen. Und ich selber merke natürlich die Veränderungen im Laufe der Jahre an mir ganz deutlich.

Aber da gibt es etwas, dass mich seit meiner Kindheit bis heute begleitet. Das wohl sicherste Zeichen für die emotionale Achterbahn meines Lebens. Mein Gewicht.

Mit 1,90 m bin ich zum Glück sehr groß, so dass man mir mein Übergewicht zwar ansieht, aber es nicht so wirkt, wie mit 1,74 m Körpergröße. Merkt ihr, dass ich schon anfange Rechtfertigungen und Relativierungen zu finden, bevor ich eigentlich ins Thema einsteige. So richtig bewusst habe ich mich als Teenager mit meiner Gewichtszunahme auseinander gesetzt. Damals habe ich zwischen 90kg und 100 kg gewogen. Aus meiner Sicht heute weiß ich, dass es es sich um kein drastisches Übergewicht gehandelt hat. Damals habe ich dann einfach mal kleinere Diät-Phasen eingelegt und hatte schnell auch wieder 5 kg runter. Ich weiß noch, dass ich mit der Unterstützung meiner Mutter mit 15 oder 16 meine erste Mini-Diätz eingelegt habe: Einen Tag lang nur Eier, einen Tag lang nur Bananen und einen Tag lang nur Würstchen. Wenn ich das heute so lese, habe ich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was das für eine Diät gewesen sein soll. Aber das ist irgendwie für mich der Auftakt zu meiner Gewichts-Karriere gewesen.

Seitdem ist mein Gewicht konstant nach oben gegangen. Immer mal unterbrochen von Diätphasen in denen ich zwischen 30 kg und 50 kg abgenommen habe. Allerdings ist es mir nie gelungen, das Gewicht zu halten und der JoJo-Effekt hat irgendwann wieder gnadenlos zugeschlagen. Und so bin ich dann von XL über 2XL bis hin zu 5XL gewandert. Ich erspare euch jetzt zu googeln, was das wohl in Kilogramm bedeuten könnte. Ich wiege aktuell 179 kg bei einer Körpergröße von 1,90 m. Ich sitzte hier und krige Schweissausbrüche bei dem Gedanken daran, diesen Post nachher zu veröffentliche. Es gibt genau zwei Menschen, die mein Gewicht kennen. Es sind mein bester Freund und mein Mann. Ansonsten spreche ich mit niemandem darüber, da mir das unfassbar peinlich ist. Ich bin also nicht einfach nur übergewichtig, sondern ich „bin fett“. Wobei ich zu der Formulierung später nochmal etwas sagen werde.

Dann friss doch einfach, weniger und bewege Dich mehr. Diesen gut gemeinten Rat gibt man oft Menschen, die übergewichtig sind. Aber leider ist es nicht so einfach. Damit ihr mich nicht falsch versteht, weder habe ich einen „schweren Knochenbau“, noch habe ich „ein Drüsenproblem“ oder ähnliches. Es gibt keine Auasreden dafür. Ich nehme schlicht und ergreifend zu viele Kalorien zu mir und mache auf der anderen Seite zu wenig Sport. That’s it! In meinem Kopf hat es zwar oft genug Klick gemacht, der Schalter hat sich umgelegt und ich habe über Wochen und Monate konstant meine Ernährung umgestellt und Sport in mein Leben integriert. Und obwohl ich gemerkt habe, wie viele positive Auswirkungen das auf die unterschiedlichsten Bereiche meines Lebens hatte, bin ich dann doch irgendwann wieder in alte Verhaltensweise verfallen.

Aus dem Fernsehen kennt man ja die verschiedensten Dokumentationen über übergewichtige Menschen und auch Diät-Sendungen. Dort sind Menschen, die extreme gesundheitliche Probleme haben, ihren Beruf nicht ausüben können oder das Haus nicht verlassen/ verlassen können. Das ist mir im Leben nie passiert. Trotz meines Gewichtes bin ich erstaunlicherweise den Umständen entsprechend gesund. Ich habe einen ganz leichten Bluthochdruck. Aber so am untersten Bereich, dass dieser nicht behandelt werden muss. Ich habe keinen Zucker und meine Blutwerte sind alle in Ordnung. Mit Sicherheit stellt das Gewicht eine Belastung für meinen Knochen und Gelenke dar. Allerdings habe ich keine Probleme damit. Und auch ansonsten bin ich jemand, der nie das Gefühl aufkommen lassen wollte, dass er der faule und behäbige Dicke ist, der immer hinterher rennt. Daher bin ich immer Hans Dampf in allen Gassen und vorne mit dabei. Mit Sicherheit dann eher das Modell schnaufende Dampflok, aber eben auch nicht das letzte Glied der Kette.

Das Thema ist so komlpex, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, weil es so viel zu erzählen gibt. Vorweg sei gesagt, dass ich ein glückliches Leben führe und aktiv am Leben teilnehmen. Wenn mir allerdings ein stark übergewichtiger Mensch sagt, dass sein Gewicht kein Thema für ihn ist und er oder sie nichts daran ändern möchte, dann kann ich das aus eigener Erfahrung nicht glauben. Wenn die gute Fee zu mir kommen würde und mich bitten würde mein Wunschgewicht zu nenen und dieses würde dann über Nacht in Erfüllung gehen, würde ich das sofort machen.

Ich sehe oft Menschen in den Abnehmsendungen, die ihren Körper verachten und sich davon distanzieren. Das tue ich nicht. Schäme ich mich für mein Gwicht? Ja das tue ich. Hasse ich meinen Körper? Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe einen wundervollen Körper, der mich tatsächlich all die Jahre durch alle Zeiten meines Lebens getragen und beschützt hat. Und selbst mit einem Körpergewicht bei dem andere vom Arzt gesagt bekommen, dass sie bald sterben würden, bin ich den Umständen entsprechend gesund. Ich erkläre in einem anderen Post noch, was ich mit den Umständen entsprechend meine.

Warum also bin ich nun so übergewichtig und warum gelingt es mir nicht dauerhaft mein Gewicht in den Griff zu bekommen. Die erste Frage kann ich zu großen Teilen beantworten, während ich an der zweiten Frage gerade ganz aktiv arbeite und mir das noch nicht in Gänze erschließen konnte.

Meine Eltern haben mir seit meiner Geburt Fotoalben angelegt. Ich habe irgendwann mal geschaut, ab wann ich denn angefangen habe Gewicht zu zunehmen. Das hat mit ungefähr sechs Jahren begonnen. Ich war nicht dürr, aber man konnte bis dahin bei mir die Rippen deutlich erkennen. Bei der Durchsicht meiner Fotoalben ist mir damals auch schlagartig klar geworden warum. Ihr wisst ja schon, dass ich adoptiert worden bin. Ich habe mir immer ein Geschwisterchen gewünscht. Und als ich sechs Jahre alt war, konnten meine Eltern dann noch ein weiteres Kind adoptieren, meinen Bruder. Und obwohl ich nie sagen würde, dass ich auf ihn eifersüchtig gewesen bin oder meine Eltern mir weniger Zuneigung und Liebe geschenkt haben, hat sich unser Leben doch komplett umgestellt. Ich war eben nicht mehr alleine da, sondern nun galt die Aufmerksamkeit und Liebe meiner Eltern uns beiden. Auch wenn ich erst mit Anfang 20 Zugang zu meinen Gefühlen gefunden habe und diese bewusst wahrnehmen konnte, gab es in mir doch schon diese Glaubenssätze. Du bist es nicht wert geliebt zu werden und wenn Du jemanden liebst, wirst Du sowieso wieder verlassen. Und da die Lieben meiner Eltern eben nicht mehr nur mir alleine galt, war dort das Gefühl nicht zu genügen, es nicht wert zu sein.

Was habe ich also gemacht? Ich habe zum einen angefangen mich mit Essen zu belohnen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich damals begonnen habe, mir von meinem Taschengeld am Kiosk gemischte Tüten zu kaufen. Diese Süßigkeiten haben mir Zuneigung, Geborgenheit und Liebe gegeben. Das habe ich vielleicht so nicht formulieren können, aber ich habe es genauso empfunden. Aber es war eben etwas, dass ich für mich ganz alleine hatte und das mir niemand wegnehmen konnte. Dadurch das ich angefangen habe an Gewicht zu zunehmen, bin ich natürlich auch vermeintlich nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, sondern bin sichtbar geblieben. Jedes Kilo mehr hat die Aufmerksamkeit auf mich gezogen und ich bin wahrgenommen, gesehen worden. Auf der anderen Seite war mein Gewicht dann auch ein Schutz für mich. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes einen Schutzpanzer um mich herum errichtet, der es nicht zugelassen hat, dass man mich tief im Inneren verletzten konnte.

Wenn die Seele Hunger hat, dann sucht sie sich ihren Weg, um diesen Hunger zu stillen. Das Blöde daran ist nur, dass jegliches Essen niemals den Hunger der Seele stillen wird können. Und egal, wie viele Themen ich in meinem Leben bearbeitet und verarbeitet habe, egal wie sehr ich mich weiterentwickelt habe und egal wie stark ich bei mir angekommen bin, mein Gewicht habe ich immer noch nicht in den Griff bekommen. In den letzten knapp zwei Jahren habe ich allerdings einen riesigen Schritt voran gemacht. Ich arbeite mit einem Coach zusammen und habe ganz viele Dinge für mich erkannt. Und gerade ist es so, dass ich an einem Scheideweg stehe. Ich weiß, dass ich in den nächsten Wochen und Monaten ein neues Kapitel meines Lebens beginnen werde. Aber vielleicht muss ich dazu erst einmal öffentlich über dieses Thema schreiben, um auch dieses hinter mir lassen zu können.

Im nächsten Post möchte ich euch gerne ein wenig über die Einschränkungen in meinem Leben erzählen, die ich durch mein Gewicht erfahre und die Probleme, die ich persönlich damit habe. in einem weiteren Post werde ich euch dann auch von meinem Coach erzählen und was mir in den letzten zwei Jahren an wundervollen Dingen und Erkenntnissen wiederfahren ist. Generell kann ich jeden Menschen verstehen, der aufgrund seines Gewichtes Ängst und Hemnisse hat. Lasst euch aber gesagt sein, dass diese niemals der Grund dafür sein sollten, euch aufhalten zu lassen. Du kannst auch mit diesem Gewicht ein glückliches und gutes Leben führen. Aber eben nur ein gutes Leben und kein sehr gutes Leben. Außerdem wirst Du mit so einem Gewicht auch niemals wirklich frei sein.

Ein letzter Gedanke für heute, den ich auch durch meinen Coach gelernt habe. Hättest Du mich vor zwei Jahren noch gefragt, wie ich mich beschreiben würde, hätte ich gesagt, ich bin fett! Heute weiß ich, dass ich nicht fett bin. Denn das ist ein Glaubensatz und eine unumstößliche Tatsache. Aber ich bin ja auch nicht schwarze Haare, nur weil ich schwarze Haare habe. Daher sage ich heute ganz bewusst über mich, dass ich Fett habe. Denn dieser Satz alleine sagt zwar viel über mein Gewicht aus, gibt mir aber gleichzeitig die Hoffnung, den Glauben und die Freiheit, dass ich daran etwas ändern kann.

Das heute ist mit Sicherheit einer der schwersten Posts bislang gewesen. Denn ich habe nun das erste Mal öffentlich und ganz konkret über mein Gewicht gesprochen. Ja, auf der einen Seite bin ich erleichtert, aber auf der anderen Seite schäme ich mich unendlich dafür. Vor mir selber und vor euch. Aber auch dafür ist dieser Blog da, um eben schonungslos ehrlich zu sein und euch an meinem Leben teilhaben zu lassen. Und wenn es mir gelingt, nicht nur mit diesem, sondern mit jedem dieser Blog Einträge auch nur einem Menschen Mut zu machen, Hoffnung zu geben oder eventuell auch nur Verständis für Menschen in solchen Situationen zu schaffen, habe ich mehr erreicht, als ich mir jemals hätte träumen lassen. In dem Sinne wünsche ich euch allen einen gute Nacht und sage bis die Tage.

Erster Blogbeitrag

fb_img_1544044126292Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte. So habe ich einen Text genannt, den ich mit Anfang 20 über mich geschrieben habe. Aus diesem Satz spricht so viel Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Trauer.

Heute, gut zwanzig Jahre später, läuft mir beim Schreiben dieser Zeilen ein kalter Schauer über den Rücken. Noch immer kann ich spüren, wie ich mich damals gefühlt habe. Und ich weiß genau, dass es auch heute auf meinem Lebensweg noch Baustellen gibt, an denen ich arbeite. Aber da ist etwas, das so viel größer ist, als die Gefühle von damals. Es ist das Sonnenschein-Gen, dass ich in mir trage. Wer nun bei Wikipedia nachschaut, was denn das Sonnenschein-Gen ist, wird dazu – und auch nirgendwo anders – einen Eintrag zu finden.

Es ist ein Gefühl, eine Lebenseinstellung, ein Glaubenssatz, den ich in mir erkannt habe. Es ist die Quelle für (m)ein glückliches, erfülltes und gesundes Leben. Es ist die Kraft, die mich durch die Untiefen meines Lebens begleitet hat.

Ich habe aus meiner Vergangenheit, meinen Erlebnissen und Gefühlen nie ein Geheimnis gemacht. Aber in diesem Blog nun meine ganz private Lebensgeschichte nicht nur öffentlich zu erzählen, sondern auch nieder zu schreiben, kostet doch irgendwie Überwindung. Wenn es mir damit aber gelingt auch nur einem von euch Hoffnung zu schenken, dann ist es alle Zweifel und Ängste wert. Ich wünschte ich hätte damals jemanden gehabt, der mir vom #dassonnenscheingen erzählt. Dann wäre manche dunkle Wolke mit Sicherheit schneller vorbei gezogen.

In diesem Blog erfahrt ihr von meinen Gefühlen „nichts wert“, „nicht gewollt“ und „nicht liebenswert“ zu sein. Was meine Adoption mit neun Tagen, mein Mobbing in der Schule, mein Coming Out und mein Leben als dicker Mensch damit zu tun haben. Es handelt von der Suche nach meinen Wurzeln, des Findens meiner leiblichen Geschwister und des Verlustes meines Bruders durch seinen Freitod.

Es ist aber vor allen Dingen die Geschichte von Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Bei aller Tragik zeigt es euch ein Leben voller Lachen, Glück und Leichtigkeit. Und wer weiß, vielleicht entdeckst Du im Laufe der Zeit ja sogar auch das Sonnescheingen in Dir.

Ich wünsche euch, aber vor allen Dingen mir, viel Spaß auf dieser Reise meines Lebens.