Mama, wo kommen die Babys her?

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„Mama, wo kommen denn die Babys her?“ fragte ich eines Tages. Keine Ahnung, wie alt ich genau war, als ich diese Frage gestellt habe. Das muss im Kleinkindalter gewesen sein. Das ist eine Frage, die täglich mit Sicherheit hunderte von Kindern Ihren Eltern stellen? Meine Mama antwortete also „Aus dem Bauch.“. „Und bin ich auch aus Deinem Bauch?“.

Ich weiß nicht, ob meine Mama Angst vor der Frage hatte. Aber meine Eltern hatten beschlossen, wenn diese Frage aufkommt, würden Sie mir die Wahrheit sagen. Das war der Augenblick in dem ich erfahren habe, dass ich nicht im Bauch meiner Mama gewachsen bin. Es war das erste mal, dass meine Eltern mir erzählt haben, dass sie keine eigenen Kinder bekommen konnten. Und dann war dort diese Frau, der es nicht möglich war, mich groß zu ziehen. Sie wollte aber, dass ich ein glückliches Leben und Eltern haben sollte. Also hat sie mich nach meiner Geburt meinen Eltern übergeben und sie gebeten, gut auf mich aufzupassen und die besten Eltern für mich zu sein, die es geben konnte. So oder so ähnlich ist das Gespräch damals abgelaufen.

Ich bin meinen Eltern unendlich dankbar, dass sie aus meiner Adoption kein Geheimnis gemacht haben, sondern immer offen und ehrlich mit mir umgegangen sind. Es gab kein Tabu und ich konnte immer mit meinen Eltern sprechen. So konnte ich gut behütet und voller Liebe groß werden. Und auch meine Eltern konnten in Ihrem Freundes-, Bekannten- und Kundenkreis ganz ungezwungen mit dem Thema umgehen. Das Ganze hatte eben eine Normalität und Selbstverständlichkeit.

Dennoch hat mich meine Adoption immer beschäftigt. So haben mir meine Eltern erzählt, dass ich als Kind immer gesagt habe, dass wenn ich groß bin, ich einen Privatdedektiv engagiere und der würde dann meine leiblichen Eltern suchen. Nicht weil ich nicht glücklich gewesen bin, sondern weil ich immer schon auf der Suche nach meinen Wurzeln gewesen bin.

Mit meiner Adoption hatte ich nie Probleme und war immer stolz darauf. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich als Kind mit meiner Tante, der Schwester meines Vaters, ein paar Tage alleine im Skiurlaub war. Wir hatten gerade unsere Mittagspause in einer Almhütte beendet und wollten wieder auf die Piste, als uns ein Mann angesprochen hat. „Ist das ihr Sohn?“ fragte er und meine Tante antwortete „Nein, das ist mein Neffe.“. Der Mann entgegnete „Mann sieht auf jeden Fall, dass Sie verwandt sind, ihr Kleiner sieht ihnen ja so ähnlich.“. Das war der Moment in dem ich Steppke nach vorne getreten bin und im Brustton der Überzeugung gesagt habe, dieses können ja gar nicht sein, denn schließlich sei ich ja adoptiert. Ich weiß, dass das meiner Tante etwas unangenhem war, aber so einfach war das für mich eben.

Ich konnte unbeschwert über meine Adoption sprechen, da ja nie ein Geheimnis daraus gemacht worden ist und es auch nicht die Spur eines Makels an sich hatte. Als ich sechs Jahre alt war, haben meine Eltern dann die Chnace bekommen ein zweites Baby zu adoptieren. Und als mein Bruder alt genug war und ähnliche Fragen wie ich damals gestellt hat, war es natürlich ich, der meinem kleinen Bruder verkündete, dass er etwas ganz Besonderes sei, weil er nicht aus dem Bauch von unserer Mama gekommen ist.

Erster Blogbeitrag

fb_img_1544044126292Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte. So habe ich einen Text genannt, den ich mit Anfang 20 über mich geschrieben habe. Aus diesem Satz spricht so viel Hoffnungslosigkeit, Schmerz und Trauer.

Heute, gut zwanzig Jahre später, läuft mir beim Schreiben dieser Zeilen ein kalter Schauer über den Rücken. Noch immer kann ich spüren, wie ich mich damals gefühlt habe. Und ich weiß genau, dass es auch heute auf meinem Lebensweg noch Baustellen gibt, an denen ich arbeite. Aber da ist etwas, das so viel größer ist, als die Gefühle von damals. Es ist das Sonnenschein-Gen, dass ich in mir trage. Wer nun bei Wikipedia nachschaut, was denn das Sonnenschein-Gen ist, wird dazu – und auch nirgendwo anders – einen Eintrag zu finden.

Es ist ein Gefühl, eine Lebenseinstellung, ein Glaubenssatz, den ich in mir erkannt habe. Es ist die Quelle für (m)ein glückliches, erfülltes und gesundes Leben. Es ist die Kraft, die mich durch die Untiefen meines Lebens begleitet hat.

Ich habe aus meiner Vergangenheit, meinen Erlebnissen und Gefühlen nie ein Geheimnis gemacht. Aber in diesem Blog nun meine ganz private Lebensgeschichte nicht nur öffentlich zu erzählen, sondern auch nieder zu schreiben, kostet doch irgendwie Überwindung. Wenn es mir damit aber gelingt auch nur einem von euch Hoffnung zu schenken, dann ist es alle Zweifel und Ängste wert. Ich wünschte ich hätte damals jemanden gehabt, der mir vom #dassonnenscheingen erzählt. Dann wäre manche dunkle Wolke mit Sicherheit schneller vorbei gezogen.

In diesem Blog erfahrt ihr von meinen Gefühlen „nichts wert“, „nicht gewollt“ und „nicht liebenswert“ zu sein. Was meine Adoption mit neun Tagen, mein Mobbing in der Schule, mein Coming Out und mein Leben als dicker Mensch damit zu tun haben. Es handelt von der Suche nach meinen Wurzeln, des Findens meiner leiblichen Geschwister und des Verlustes meines Bruders durch seinen Freitod.

Es ist aber vor allen Dingen die Geschichte von Dankbarkeit, Hoffnung und Liebe. Bei aller Tragik zeigt es euch ein Leben voller Lachen, Glück und Leichtigkeit. Und wer weiß, vielleicht entdeckst Du im Laufe der Zeit ja sogar auch das Sonnescheingen in Dir.

Ich wünsche euch, aber vor allen Dingen mir, viel Spaß auf dieser Reise meines Lebens.