Wenn Liebe nicht genug ist

Mein Unterbewusstsein und meine Seele wissen ganz genau, wenn Sie etwas möchten oder eben auch nicht. Daher sitze ich nun hier und versuche seit langer Zeit mal wieder einen Eintrag zu schreiben. Wie odt ich den Text nun schon gelöscht und wieder angefangen habe, kann ich kaum zählen. Denn etwas in mir möchte gerade nicht, dass ich mich mit mir auseinander setze oder gar darüber schreibe. Dennoch versuche ich es mal.

Zu meiner Schulzeit hat meine Religionslehrerin uns mal gesagt, dass wir uns selber lieben müssen, bzw. lernen müssen uns selber zu lieben. Ich konnte das damals nicht verstehen und habe gar nicht gewusst, was damit gemeint war. In den darauf folgenden Jahren ist mir dann bewusst geworden, was es bedeutet sich selber zu lieben und warum das so wichtig ist. Und ich dachte auch, dass ich gelernt hätte, mich selber zu lieben. Heute stelle ich fest, dass dieses nur die halbe Wahrheit ist.

Natürlich liebe ich mich, allerdings ist es eben keine bedingungslose Liebe. Zum einen knüpfe ich die Liebe an mich selber an so viele Dinge. Ich muss so oder so sein. Ich muss mich so oder so verhalten. Und so weiter. Und manchmal ist selbst diese Liebe eben nicht genug.

Obwohl ich es besser wissen müsste und mich die Erfahrungen der Vergangenheit eines besseren belehrt haben müssten, ist immer noch das Gefühl da, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden. Und zwar von mir selber. Ich trage das Sonnenscheingen in mir und das Leben oder das Universum meines es wirklich sehr gut mit mir. Immer wenn mein Leben zu gut wird, kommt diesese Teufelchen zum Vorschein, dass mir sagt, dass ich es nicht verdient habe. Und da ich es ja nicht ändern kann, dass das Leben es so gut mit mir meint, fange ich dann an, mir das Leben selber schwer zu machen.

In meinem Fall ist Essen die Wahl der Qual. Je mehr ich wiege, desto unbequemer wird das Leben für mich. Ich bestrafe mich damit für das ganze sehr gute Leben, das mir geschenkt wird und mich umgibt. Und durch das Gewicht kann ich eben auch nicht die Fülle des Lebens genießen. So gelingt es dem kleinen Teufelchen in mir, dass ich anstatt eines sehr guten Lebens, eben nur ein gutes und zum Teil beschwerliches Leben führe.

Was mich aber am meisten ärgert, dass ich herausgefunden habe, warum ich mich so verhalte, wie ich mich verhalte und warum mein Gewicht so hoch ist, wie es eben ist. Aber trotzdem gelingt es mir noch nicht, mich dauerhaft von diesem Verhalten und den Glaubenssätzen zu befreien. Ich habe es mit Affirmationen, Vergebung und so vielen anderen Dingen versucht. Aber aktuell gelingt es mir noch nicht, wirklich loszulassen.

Es mag für Außenstehende komisch klingen, aber es hat mich unglaublich viel Kraft gekostet, diesen Beitrag zu verfassen. Abschließend lasst euch noch sagen, dass ich aber nicht aufgebe. Ich werde weiterhin versuchen herauszufinden, wie ich diese falschen Glaubenssätze loswerde, um endlich ein erfülltes, befreites und sehr gutes Leben führen zu können.

Ob er sich jemals nochmal meldet?

Ich frage mich, was ich denn überhaupt erwartet habe. MeinBruder hat 32 Jahre lang nicht einmal geahnt, dass es mich gibt. Und auf einmal meldet sich ein wildfremder Mensch bei ihm und sagt ihm, dass er sein Bruder sei. Ich frage mich, wie ich wohl an seiner Stelle reagiert hätte. Das muss doch für ihn ein Schock gewesen sein. Ich hatte sieben Jahre lang Zeit, um mich auf diesen Tag vorzubereiten. Und er wurde von einer Sekunde auf die andere in kaltes Wasser geschmissen. Ich frage mich, ob er mir überhaupt glaubt. Es ist einer der wenigen Momente in meinem Leben, wo das Glas nicht halb voll, sondern halb leer ist. Ich bin absolut davon überzeugt, dass er sich nicht meldet. Zumindest weiß er jetzt, dass es mich gibt.

Und plötzlich, es ist noch nicht einmal 19 Uhr, schellt mein Telefon. Kann das wirklich sein? Sollte mein Bruder mich doch anrufen? Mit zitternder Stimme melde ich mich. Und da ist Michael, der nichts von seinem Ruhrpott Charme verloren hat. Ich weiß noch, dass er mir erzählt, dass er total verwirrt war und das Ganze nicht glauben konnte, sich aber freut, dass ich ihn gesucht habe. Ich sage ihm , dass ich es schade finde, dass er keinen Kontakt mehr zu unserer Schwester hat. Da sagt er mir in seiner typischen Art, dass er heute morgen ja nicht wusste, ob ich „so nen verrückten Spinner“ bin. Selbstverständlich hat er noch Kontakt und gleich mit ihr telefoniert. Sie sei noch skeptischer als er, wäre aber auch an einem Treffen interessiert. Insgesamt telefonieren wir drei bis vier Stunden. Für mich fühlt sich das erstaunlicherweise überhaupt nicht fremd an. Am Ende vereinbaren wir, dass ich am Freitag ins Sauerland fahre und die beiden besuche.

Ich kann immer noch nicht glauben, was da in den letzten Tagen in meinem Leben passiert ist. Mein komplettes Leben hat sich auf den Kopf gestellt. Ich hätte nie damit gerechnet, dass mir das passieren würde. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja auch noch nicht wissen, wie viel mehr sich mein Leben einige Jahre später noch einmal verändern würde. Aber in dem Moment war ich einfach nur glücklich und erleichtert. Und mit diesem Gefühl der Leichtigkeit und Anspannung zugleich, fuhr ich nun also ins Sauerland. Ich weiß noch genau, wie ich in die Straße einbiege, in der Michael auf mich wartet. Und er steht tatsächlich schon auf dem Bürgersteig. Irgendwie krass, dass wir uns so gar nicht ähnlich sehen. Er ist zwar auch groß, aber ein schlacksiger Kerl mit blonden Haaren und blauen Augen. Also genau das Gegenteil von mir. Also den gleichen Vater können wir eigentlich nicht gehabt haben. Und obwohl wir uns noch nie gesehen haben, ist dort dieses ganz starke Gefühl von Familie in mir. Ich steige aus und nehme Michael nach so vielen Jahren endlich in den Armn. Das ist er also mein großer Bruder. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Aber was hatte das Medium vor Jahren zu mir gesagt. Ich solle meinen Geschwistern in Gedanken sagen, dass ich sie liebe und traurig bin, dass ich sie gerade nicht treffen kann. Aber wenn der richtige Zeitpunkt gekommen wäre, dann würde wir uns sehen. Und genau jetzt war er, dieser richtige Zeitpunkt. Ich lerne noch kurz seine Freundin und die Eltern seiner Freundin kennen, bevor wir uns ins Auto setzen und zu unserer Schwester fahren. Wir unterhalten uns die ganze Autofahrt über, als hätten wir uns schon immer gekannt. Da ist für mich nichts Fremdes.

Als wir auf den Parkplatz bei der Wohnung unserer Schwester einbiegen, ist dort wieder diese Nervosität. Ich weiß schließlich, wie skeptisch sie mir gegenüber ist. Sie hatte im Vorfeld auch noch mehrmals erwähnt, dass ich auf jeden Fall die Abstammungsukunde mitbringen sollte. Und jetzt betrete ich den Hausflur mit meiner Abstammungsurkunde in der der Hand und gehe hoch zu ihrer Wohnung. Als ich den letzten Treppenabsatz hochkomme und wir uns sehen, halte ich ihr die Abstammungsurkunde entgegen. Doch sie nimmt mich nur in den Arm und sagt, dass ich das blöde Ding weg tun soll. Denn was wir beiden nicht ahnen konnten, dass wir uns verdammt ähnlich sehen. Bei uns merkt man direkt, dass wir Geschwister sind. Auf den Kinderfotos , die sie mir später am Tag zeigt, sehen wir sogar aus wie Zwillinge. Der Tag wird ein Auf und Ab der Gefühle. Ich erfahre, warum die beiden nicht bei meiner Mutter aufgewachsen sind und wie es ihnen in der Zeit ergangen ist. Ich sehe ganz viele Familienfotos und Briefe, die meine Mutter an meine Schwester geschrieben hat. Meine Geschwister erzählen mir, dass sie nichts von mir wussten. Meine Mutter hätte aber immer erzählt, dass die beiden noch eien kleinen Bruder gehabt hätten, den Tim. Aber dieser wäre bei der Geburt gestorben. Also hatte mich meine Mama die ganze Zeit nicht vergessen. Da waren Sie auf einmal die ganzen Antworten auf meine vielen Fragen.

Aber eine Frage gibt es da noch. Wissen die beiden eventuell, wer denn mein Vater ist. Ich erfahre von den beiden, dass es zu dem Zeitpunkt damals wohl zwei Männer im Leben meiner Mutter gegeben hat. Einen türkischen und einen italienischen Mann. Von beiden gibt es auch Fotos, die ich bekomme. Als ich mir diese im Nachgang und auch mit meinen Freunden noch einmal in Ruhe anschauen, kommen wir alle zu der Überzeugung, dass ich dem italienischen Mann ähnlicher sehe. Also bin ich ab jetzt Halbitaliener. Zumindest erklärt das nicht nur mein Temperament, sondern auch meinen Familiensinn.

Wie es mit uns dreien weitergegangen ist und was dieses Treffen in mir noch bewegt hat, erfahrt ihr zu einem späteren Zeitpunkt. Ich kann nur sagen, dass aus mir nun „der Junge mit einer Vergangenheit, der eine Zukunft hatte“ geworden war. Aber da es noch so viel weitere Aspekte gibt, die mich zu dem Menschen haben werden lassen, der ich heute bin, sind jetzt erst einmal andere Kapitel in meinem Leben dran, um euch davon zu erzählen. Denn an der Stelle ist meine Geschichte von Mut, Zuversicht, Dankbarkeit und Liebe noch lange nicht zu Ende.

Am Ziel und doch noch den Weg vor uns

Zwei Tage ist mein Geburtstag her und somit auch der Augenblick in dem ich das erste Mal wirklich die Chance habe, meine leiblichen Geschwister zu finden. Hier sitze ich nun also mit meinem besten Freund im Auto und wir fahren Samstag nachmittags ins Sauerland. Ich bin nervös, aufgeregt, voller Vorfreude und Angst zugleich. Was mache ich denn nur, wenn dieser Michael doch nicht mein Bruder ist. Und viel schlimmer, was mache ich, wenn er es ist, aber nichts mit mir zu tun haben möchte.

Langsam biegen wir in das beschlauliche Örtchen Olsberg ein. Und mit jedem Meter, den wir uns dem Ziel nähern, werde ich unruhiger. Schließlich sind wir angekommen und ich suche einen Parkplatz. Ich atme noch einmal tief durch und dann gehe ich zu der Haustür. Und dort steht tatsächlich der Name meines „vielleicht Bruders“ am Klingelschild. Ohne lange zu zögern drücke ich die Klingel und es passiert nichts. Sekunden vergehen wie Stunden. Und ich drücke ein weiteres Mal auf die Klingel. Aber wieder passiert nichts. Ich schaue auf die Uhr und überlege mir, ob gerade die falsche Zeit für einen Besuch ist. Schließlich ist es Samstag nachmittag. Eventuell ist Michael ja einkaufen. Aber so schnell will ich einfach nicht aufgeben. Also gehen mein bester Freund und ich in eine Pommesbude um die Ecke.

Während wir so warten und die Zeit rumbringen, lasse ich mir den kleinen Block einer Brauerei geben und schreibe folgende Nachricht: „Hallo mein Name ist XXX. Bitte seien Sie doch so freundlich und rufen mich einmal an.“. Natürlich schreibe ich noch meine Handynummer dazu. Nachdem gut eine Stunde ins Land gegangen ist, gehe ich wieder zur Haustür und schelle erneut. Als hätte ich eine Vorahnung gehabt, öffnet auch dieses Mal niemand. Ich nehme den Zettel vom Block der Brauerei und werfe ihn in den Briefkasten meines Bruders. Erst auf der Rückfahrt überlege ich mir, was für eine waghalsige Tat das war. Wird er den den Zettel überhaupt finden oder landet der zusammen mit den Werbeblättchen im Altpapier? Ich habe bis heute mein Handy immer auf lautlos. Aber an diesem Tag habe ich das Handy auf laut. Ich möchte ja schließlich den Anruf meines Bruders nicht verpassen. Mein Handy bleibt auch noch den ganzen Sonntag und den ganzen Montag auf laut. Denn mein Bruder hat sich immer noch nicht bei mir gemeldet. Ehrlich gesagt schwindet mit jeder Stunde meine Hoffnung, dass er noch anruft.

Dienstag vormittag sitze ich in meinem Büro und auf einmal schellt mein Telefon. Ich schaue auf das Display und dort steht Nummer unterdrückt. Sollte das vielleicht der erlösende Anruf sein, auf den ich so sehnlichst gewartet habe? Ich hebe ab und melde mich. Am anderen Ende der Leitung höre ich eine Männerstimmer die sagt: „Michael Frank hier, ich habe einen komischen Zettel in meinem Briefkasten gefunden, stammt der von Ihnen?“ Ich bin mir ja immer noch nicht sicher, ob es sich wirklich um meinen Bruder handelt. Daher frage ich, ob er aus Bottrop stammen würde und er letztes Jahr dort einen Freund besucht hätte. Er antwortet ziemlich muffelig, dass das stimmen würde, aber worum es denn nun eigentlich gehen würde. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen, da ich endlich Michael, meinen leiblichen Bruder gefunden habe. Endlich bin ich am Ziel angekommen. Ich denke mir, reiss Dich zusammen, Du musst wenigstens diesen einen Satz noch rausbekommen. Und so sage ich: „Deine Mutter war 1977 mit einem kleinen Jungen schwanger. Das bin ich, ich bin Dein Bruder.“ Stille am anderen Ende der Leitung gefolgt von einem „Neee, wirklich? Das kann doch nicht war sein.“ Schnell erkläre ich Michael, dass ich beim Standesamt war und die Geburtsurkunde habe. Danach war ich bei dem Haus wo die drei damals gewohnt haben. Und so bin ich dann an seinen Namen gekommen und mit viel Recherche schließlich bei ihm gelandet. Michael erzählt mir ungläubig, dass er nichts von einer Schwangerschaft seiner Mutter wüsste. Ich frage ihn, ob er noch Kontakt zu unserer Schwester hat und er sagt, dass er leider schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er hätte jetzt aber auch keine Zeit, weiter mit mir zu sprechen. Er würde sich abends um 19 Uhr bei mir melden und dann könnten wir in Ruhe sprechen. Ehrlich gesagt, klingt das so nach dem Motto, melden Sie sich bitte nicht, wir werden uns melden. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er nicht anrufen wird. Trotzdem bin ich so erleichtert und glücklich, dass ich ihn gefunden habe und es ihm gut zu gehen scheint. Endlich habe ich einen Teil meiner Wurzeln gefunden. Nur dieses eine mal mit ihm gesprochen zu haben, ist schon überwältigend genug für mich. Voller Hoffnung und Angst sitze ich bei mir zuhause und warte darauf, dass es Abend wird. Ob er tatsächlich anrufen wird. Naja, ich glaube ja nicht daran. Und wie die Geschichte dann ausgegangen ist, erzähle ich euch in meinem nächsten Blog Eintrag.

Der Nebel lichtet sich

Vollkommen aufgewühlt beende ich das Gespräch mit meinem besten Freund und lege den Hörer auf. Ist das jetzt gerade wirklich passiert? Kann das tatsächlich wahr sein. All die Jahre hatte ich die Hoffnung aufgegeben, jemals Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Ich hatte mich mit den Antworten angefreundet, die ich in mir selber gefunden hatte. Und jetzt sitze ich fassungslos vor meinem Telefon und mir laufen Tränen des Glücks und der Erleichterung die Wangen herunter. Endlich, nach all den Jahren habe ich nicht nur die Chance Antworten auf meine Fragen zu bekommen, sondern auch meine leiblichen Geschwister kennen zu lernen. Sofern sie das denn überhaupt wollen. Es ist als würde der Schleier des Nebels, der sich über mich gelegt hatte in diesem Moment sich lüften.

Also wähle ich die Nummer der Frau, die gemeinsam mit meiner leiblichen Mutter und meinen leiblichen Geschwistern in einem Haus gewohnt hat. Das Telefon schellt ein paar Mal, bevor mich der herzliche Charme einer typischen Ruhrpottplanze begrüßt. Die Frau scheint genauso aufgeregt zu sein wie ich. Sie erzählt mir ein paar Dinge über meine Mutter und dass sie es ja auch nicht immer leicht im Leben gehabt hat. Meine leiblichen Geschwister musste sie dann irgendwann an das Jugendamt abgeben. Wo meine Geschwister dann genau hingekommen sind, weiß sie nicht. Sie hat allerdings eine Bekannte und deren Sohn ist wohl mit meinem leiblichen Bruder befreundet. Der war wohl letztes Jahr auch noch mal in Borttop zu Besucht. Aber dazu kann ihre Bekannte mit Sicherheit mehr erzählen und gibt mir deren Nummer.

Mittlerweile bin ich auch nicht mehr ganz so aufgeregt. Dafür bin ich umso neugieriger und wähle nun voller Vorfreude die Nummer der Mutter des Freundes meines leiblichen Bruders. Und wie gerade auch, schlägt mir wieder diese bodenständige Herzlichkeit entgegen. Dieses Mal sogar mit noch mehr Gefühl, da man ja irgendwie miteinander verbunden ist. Und das erste Mal in meinem Leben höre ich die beiden Namen: Michael und Nicole. Da stehe ich nun und habe auf einmal einen großen Bruder der Michael und eine große Schwester die Nicole heißt. Die Frau erzählt mir, dass meine leiblichen Geschwister vom Jugendamt ins Sauerland gebracht worden sind. Michael ist dann in einem Kinderheim aufgewachsen und Nicole in einer Pflegefamilie. Und Michael war eben mit ihrem Sohn befreundet und hat über all die Jahre Kontakt gehalten. Sie sind zwar keine ganz engen Freunde, aber Michael ist erst im vergangenen Jahr noch bei Ihnen zu Besuch gewesen. Wenn ich möchte, würde sie mir die Telefonnummer von Michael geben. Ob ich die Telefonnummer haben möchte? Was ist das denn für eine Frage. Es gibt nichts lieber als das. Nach all den Jahren habe ich nun endlich die Chance, einen Teil meiner leiblichen Familie kennen zu lernen. Ich schreibe mir die Telefonnumer auf und verspreche der Frau, dass ich mich noch einmal melde und ihr sage, wie es gelaufen ist.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nervös ich bin, als ich die Telefonnummer von Michael wähle. Endlich werden meine Träume war. Ich habe nicht nur die Möglichkeit meinen Bruder kennen zu lernen, sondern vor allen Dingen auch Antworten auf so viele Fragen, die seit Jahren in mir schlummern. Ich habe die Nummer eingegeben und drücke auf wählen. Und da kommt sie die Ansage: „Die Rufnummer die sie gewählt haben, ist nicht vergeben.“ Genauso hoch wie ich kurz vorher noch geflogen war, genauso heftig bin ich wieder auf dem Boden gelandet. Das kann doch nicht wahr sein! So kurz vor dem Ziel kommt wieder die Blutgrätsche und bringt mich zu Fall. Aber dieses mal werde ich das nicht stillschweigend hinnehmen. Dieses mal kämpfe ich dafür. Durch die ehemalige Telefonnummer meines Bruders weiß ich ja anhand der Vorwahl, in welcher Stadt er im Sauerland gewohnt hat. Bis dahin hatte ich von Olsberg noch nie etwas gehört. Aber nun drehte sich mein ganzes Leben um diesen Ort im Sauerland. Also habe ich eine Umkreissuche gestartet und mir alle Michaels, die den gleichen Nachnamen wie er getragen haben, mit Telefonnummer rausgeschrieben. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele das waren. Nicht allzu viele, aber so um die zehn Personen werden es wohl gewesen sein. Also rufe ich einen nach dem anderen an. Allerdings erfahre ich nur, dass keiner der Menschen mein Bruder ist oder ihn kennt.

Etwas niedergeschlagen rufe ich die Frau an, die mir die Telefonnummer gegeben hatte. Schließlich habe ich ihr versprochen, dass ich Bescheid gebe, wie es gelaufen ist. Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Hilfe, erzähle ihr allerdings, dass die Nummer traurigerweise nicht mehr vergeben ist und ich Michael nicht erreicht habe. Und sie fragt mich nur. Soll ich Dir dann vielleicht seine Handynummer geben? Die hätte sie nämlich auch. Bitte was? Warum hat sie mir die Handynummer denn nicht gleich gegeben. Überglücklich notiere ich mir auch diese Nummer und lege schnell wieder auf, damit ich direkt meinen Bruder anrufen kann. Ich wähle die Nummer und eine freundliche Computerstimmer sagt mir: „Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zur Zeit nicht persönlich zu erreichen.“. Selten war ich über eine Bandansage so erfreut wie damals. Das bedeutete nämlich, dass mein Bruder die Handynummer noch besitzt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich an dem Tag und in den folgenden Tagen noch versucht habe, meinen Bruder telefonisch zu erreichen und immer wieder die Bandansage gehört habe. Spätestens da ging mir die Bandansage dann auch wieder auf die Nerven. Also habe ich parallel eine SMS an ihn verschickt. Ja, damals hat man noch SMS verschickt. Da gab es WhatsApp und Co. noch nicht. Ich konnte auch sehen, dass die SMS übermittelt, aber nicht zugestellt worden ist. Nach ein paar Tagen, bzw. ein paar Wochen musste ich mir eingestehen, dass auch dieser Weg nichts bringen würde. Aber ich hatte mir versprochen, dass ich dieses Mal nicht aufgeben würde. Ich würde nicht eher nachgeben, bis ich meinen Bruder gefunden hätte.

Also musste ich eine List anwenden. Ich wusste ja, dass mein Bruder in Olsberg gewohnt hatte oder noch wohnt. Ich würde beim Einwohnermeldeamt in Olsberg anrufen und mich nach ihm erkundigen. Natürlich durfte ich nicht sagen, dass es um eine Adoption geht, denn dann dürfte man mir keine Auskunft geben. Also wähle ich die Nummer vom Einwohnermeldeamt und erkläre der freundlichen Dame, dass ich ein Klassentreffen organisiere und hierfür die alten Schulkollegen suche würde. Ob denn Michael noch in Olsberg wohnen würde. Und dann passiert etwas verrücktes. Die Mitarbeiterin sagt mir wie aus der Pistole geschossen, dass der Michael natürlich noch in Olsberg wohnen würde. Das wüsste sie so genau, weil sie ihn kennt. Bums, das hat gesessen. Endlich hatte ich ihn gefunden oder zumindest war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um „meinen“ Michael handelt. Die Dame sagte mir dann, dass ich ihr die Anfrage kurz per Fax schicken soll. Sie würde mir dann die Information zukommen lassen. Ich weiß noch heute, welcher Tage es war an dem ich die Anfrage abgeschickt habe. Nämlich der 27.01.2005. Warum weiß ich dass so genau? Weil das mein Geburtstag ist und ich mir noch gedacht habe, dass ich noch nie in meinem Leben ein schöneres Geburtstagsgeschenk erhalten habe.

Der 27.01.2005 war ein Donnerstag und bereits zwei Tage später am Samstag hatte ich den Brief vom Einwohnermeldeamt mit der Adresse meines Bruders im Briefkasten. Ich habe meine besten Freund angerufen und wir sind direkt mittags von Gelsenkirchen nach Olsberg gefahren. Was dort passiert ist und ob es sich bei diesem Michael tatsächlich um meinen leiblichen Bruder gehandelt hat, erfahrt ihr dann in meinem nächsten Eintrag.

Wasserrohrbruch in ein neues Leben

Sieben Jahre sind vergangen, seit ich beim Jugendamt gesessen habe und einen Blick in meine Vergangenheit werfen konnte. Was ich damals gesehen habe, hat mich nur noch neugieriger gemacht. Aber leider blieb mir mein sehnlichster Wunsch verwehrt, mehr über meine Vergangenheit und meine leibliche Familie zu erfahren. Dennoch sind es sieben Jahre in denen ich begonnen habe, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinander zu setzen. Zu erkennen, dass mein ganzes Leben lang in mir dieser Glaubenssatz geschlummert hat, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, war auf der einen Seite eine Befreiung. Denn endlich wusste ich, was all die Jahre wie ein schwarzer Schatten über einem Teil meines Lebens gelegen hatte. Diesen Glaubenssatz aber los zu werden, war eine andere Sache. Und damals war ich definitiv noch nicht so weit.

Sieben Jahre später begleite ich meinen besten Freund zu einem Gerichtstermin. Hätte mir an dem Morgen jemand gesagt, dass der Wasserrohrbruch in der Wohnung meines besten Freundes mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, ich hätte es nicht gelaubt. Ich begleite ihn also ins Gericht. Da die Verhandlung nicht öffentlich ist, warte ich nicht im Gerichtsgebäude. Ich könnte mein Zeit doch sinnvoller nutzen. Es ist zwar kurz vor 12 Uhr, aber vielleicht hat das Standesamt ja noch offen. Ich wollte mir schon immer ein individuelles Horoskop erstellen lassen. Allerdings benötigt man dafür seine genaue Uhrzeit. Da meine Eltern und ich diese nicht kennen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen. Vielleicht habe ich ja Glück und das Standesamt ist noch offen. Irgendwie schon komisch, dass ich zum Standesamt muss, obwohl ich doch nur die Geburtsurkunde haben möchte. Kurz vor 12 Uhr betrete ich also das Büro und erkläre der freundlichen MItarbeiterin mein Anliegen. Sie fragt mich dann noch, ob ich eine Geburtsurkunde oder eine Abstammungsurkunde haben möchte. Und da ist diese kleine Vögelchen auf meiner Schulter, dass mir sagt, dass ich die Abstammungsurkunde haben möchte. Und so höre ich mich im nächsten Augenblick sagen, dass ich gerne eine Abstammungsurkunde haben möchte. Die Dame schaut im Computer nach und wird kreidebleich. Ich nehme an, dass Sie vor ihrem geistigen Auge schon das Drama gesehen hat, dass nun gleich stattfinden würde. Es ist kurz vor Feierabend und sie wäre doch so gerne entspannt und in Ruhe ins Wochenende gestartet und jetzt würde sie mir sagen müssen, ja jetzt würde sie mir sagen müssen, dass ich adoptiert bin. Wer weiß, welche Horrorszenarien sich da in Ihrem Kopf abgespielt haben. Da selbst ich diesen Schock in ihrem Gesicht bemerkt habe, beruhige ich sie, indem ich sage, dass ich bereits wüsste, dass ich adoptiert bin und sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Schlagartig entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie beginnt dankbar zu lächeln. Gerne erstellt sie mir die Abstammungsurkunde. Das wird allerdings einen kleinen Augenblick Zeit in Anspruch nehmen, da sie den handschriftlichen Vermerk zu meiner Adoption abtippen muss. Sie holt also diesen großen Ordner mit allen Geburten aus dem Januar 1977 heraus und schlägt diesen auf. Wir beiden sitzen uns genau gegenüber am Schreibtisch. Und als sie ins Nachbarbüro geht, um eine Blanko Abstammungsurkunde zu holen, lese ich, was dort geschrieben steht. Alles stimmt mit dem überein, was mir der Mitarbeiter vom Jugendamt damals erzählt hat. Der Name meiner leiblichen Mutter und das mein leiblicher Vater unbekannt ist. Aber eine Kleinigkeit steht dort, die ich noch nicht wusste. Nämlich die Adresse, an der meine Mutter gewohnt hat, als sie mit mir schwanger war. Also habe ich mir diese Adresse ganz schnell gemerkt. Denn ich hatte von damals noch im Kopf, dass meine Mutter ja in einer Obdachlosensiedlung gewohnt hätte. Und jetzt wollte ich die Chance nutzen, mir das endlich einmal selber anzuschauen. Nachdem ich die Abstammungsurkunde bezahlt und übergeben bekommen habe, verabschiede ich mich freundlich und gehe wieder rüber zum Gericht.

Mein bester Freund schaut mindestens genauso glücklich wie ich. Denn er hat den Prozess gewonnen. Und ich kann ihm genauso glücklich sagen, dass ich nun wüsste, wo meine leibliche Mutter gewohnt hat. Selbstverständlich warten wir nicht lange und fahren gleich dahin. Die Adresse ist ohnehin nur fünf Minuten mit dem Auto entfernt. Als wir dort ankommen geht mein Herz auf. Es ist zwar ein Ortsteil von Bottrop wo viele sozialschwache Familien leben, aber bei weitem keine Obdachlosensiedlung. Es ist eine Siedlung mit kleinen Mehrfamilienhäusern, wie sie typisch für das Ruhrgebiet ist. Es sind Häsuer in denen früher die Bergleute gewohnt haben, mit kleinen Vorgärten in denen die Wäscheleinen gespannt sind und einem kleinen Garten, wo man gemeinsam gesessen hat. Zutiefst glücklich fahre ich mit meinem besten Freund nach Hause. Ich bin so dankbar, dass meine Mutter in einer so netten Umgebung gelebt hat und es ihr anscheinend doch nicht so schlecht ergangen ist, wie ich befürchtet hatte.

Abends ruft mein bester Freund noch einmal an und ich merke, dass er total aufgeregt ist. Und ich höre nur, dass er mir etwas sagen müsste, aber er können es mir nicht sagen? Und ich denke mir nur, was denn nun schon wieder passiert ist und sage ihm, dass er mit mir über alles sprechen kann. Er meint, dann würde ich aber sauer werden. Ich bin schon etwas verwundert, und erkläre ihm, dass ich bestimmt nicht sauer werden würde und er es mir ruhig sagen könnte. Nein, er könne mit mir nicht darüber sprechen, dann würde ich ihn umbringen. So, nun ist meine Neuigerde endgültig geweckt und ich sage ihm, dass wenn er mir nicht augenblicklich erzählt, worum es geht, ich ihn in der Tat umbringen würde. Und dann sagt er mir, dass er wisse, wie meine leiblichen Geschwister heißen. In mir dreht sich alles. Meine leiblichen Geschwister? Wie kommte er denn jetzt darauf und wieso weiß er wie die beiden heißen? Selbst ich habe die Namen niemals erfahren. Ist mein bester Freund nun unter die Hellseher gegangen? Er erzählt mir, dass er alle Leute in dem Haus angerufen hat, dass wir heute mittag noch besichtigt hatten. Das Haus in dem meine Mutter gewohnt hatte, als sie mit mir schwanger war. Und eine Frau hat dort auch schon gelebt, als meine Mutter noch da gewohnt hat. Und daher kannte Sie meine Familie gut. Außerdem hat sie Kontakt zu einer Bekannten, deren Sohn mit meinem Bruder befreundt ist. Mein Bruder war noch vor einem Jahr zu Besuch dort. Aber das soll sie mir alles in Ruhe selber erzählen. Also gibt mein bester Freund mir den Namen und die Telefonnummer der damaligen Nachbarin meiner Mutter. Und ab da begann meine Reise in die Vergangenheit dann erst so richtig. Aber die Geschichte erzähle ich euch dann in meinem nächsten Eintrag.

Eine Achterbahn der Gefühle

Der Termin beim Jugendamt hatte in meinem Unterbewusstsein/ in meiner Seele so vieles ins Rollen gebracht. Zu der Zeit sah es in mir aus wie ein wogendes Meer. Gerade noch hatte eine neue Erknntnis den Sturm in mir abgeflacht und ich kam etwas zur Ruhe, schon türmten sich vor mir neue Wellenberge auf. Ich kann nicht sagen, dass ich zu der Zeit kein lebenswertes Leben hatte. Nach Außen hin lief fast alles so weiter, wie immer. Aber in mir waren diese Kämpfe, um Antworten zu erzwingen. Die Verarbeitung der Themen hat sich bei mir über Jahre hinweg erstreckt. Aber die Wogen wurden über die Jahre kleiner und es ist mir immer leichter gefallen, damit umzugehen. Zu einem anderen Zeitpunkt erzähle ich euch dann auch, was mir dabei geholfen hat, alle Dinge in meinem Leben zu überstehen.

Aber wie ist das so schön, wenn man etwas erzwingen möchte, klappt es nicht. Und so bleib mir nichts anderes übrig, als mich in Geduld zu üben. Habe ich eigentlich schon erzählt, dass Geduld eine meiner größten Stärken ist. Oder eben auch nicht.

Ich bin und war schon immer ein spiritueller aber nicht fanatisch esotherischer Mensch. Schon damals war eine meiner engsten, vielleicht sogar meine einzige Vertraute, meine Relilehrerin. Unsere Freundschaft hatte aber nichts mit der Religion zu tun, sondern gründete sich schon damals auf eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Sie war der Mensch, bei dem es mir gelang, mich anzuvertrauen. Mit ihr sprach ich schon immer über die Mobbing Situation in der Schule (ohne das ich sie bat aktiv einzugreifen), mein ComingOut und eben auch meine Adoptionsgeschichte.

Eines Tages erzählte Sie mir, dass sie bei einem Medium war. Durch dieses Medium hatte sie schon einige Erkenntnisse über sich und ihre Themen gewinnen können. Wer nichts erwartet, hat auch nichts zu verlieren. Also vereinbarte auch ich, allerdings ohne große Erwartungen, einen Termin bei dem Medium. Der Termin fand in einem gewöhnlichen Haus im Ruhrpott statt und mich begrüßte eine ältere Dame. Wir setzten uns bei ihr an den Küchentisch und sie ging in Trance. Zugegeben, wenn ich das heute so schreibe, klingt das schon ein wenig spuky. Das Gute ist nur, dass sie damals eine Aufnahme mit einem Kassettenrekorder aufgenommen hat. Nach über 20 Jahren besitze ich immer noch die Kassette und meinen Walkman, um diese abzuhören.

Wie dem auch sei, ich habe mir vor ein paar Tagen noch einmal die ganze Sitzung angehört. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob die Frau ein Medium war oder einfach nur eine gute Intuition und Verbindung zu Menschen hatte. Auf jeden Fall hat sie mir Dinge gesagt, die heute auch jeder Life Coach sagen könnte. Das konnte ich damals so noch nicht fühlen oder verstehen. Allerdings gibt es eine Sache, die mir schon damals ungemein geholfen hat. Eine meiner Fragen war, wie ich mit dem Termin beim Jugendamt und meinen unbeantworteten Fragen umgehen soll. Gerade meine nicht auffindbaren Geschwister waren ein großes Thema.

Dazu gab Sie mir folgenden Rat. Für meine Gesundung und um Antworten zu finden sei es wichtig, meinen leiblichen Geschwistern zu begegnen. Wenn mir dazu nun im Augenblick nicht die Möglichkeit gegeben ist, dann sollte ich mir meine Geschwister in Gedanken vorstellen und ihnen folgendes sagen: „Ich liebe euch sehr und ich würde euch gerne treffen und mich mit euch austauschen. Leider haben wir gerade nicht die Möglichkeit uns kennen zu lernen. Deswegen gebe ich diesen Wunsch nun ans Universum ab und vertraue darauf, dass wir uns begegen werden, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Bis dahin seid ihr in meinem Herzen.“

Und ob ihr es glaubt oder nicht, diesen sehnlichen Wunsch abzugeben und dem Universum anzuvertrauen, hat mir tatsächlcih ein Gefühl von Leichtigkeit und Frieden gegeben. Ich war so glücklich, dass ich den Druck nicht mehr in mir spürte und dachte, dass es sich dabei um das größte Geschenk gehandelt hat, was man mir in dem Zusammenhang machen konnte. Damals konnte ich ja noch nicht ahnen, das ich Jahre später durch einen Zufall oder Vorherbestimmung meine leiblichen Geschwister finden sollte. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich zu einem späteren Zeitpunkt erzählen werde.

Ein Licht in der Dunkelheit

So schmerzlich die Erkenntnis war, dass ich mein ganzes Leben lang den Glaubenssatz hatte, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, so gut war es auch, nun diese Seelen-Baustelle erkannt zu haben. 21 Jahre lang hatte ich also mit diesen Glaubenssätzen gelebt. Daher ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich noch Jahre gebraucht habe, um dieses Thema wirklich verarbeiten zu können. Irgendwo auch verständlich, dass ein so tief verwurzelter Glaubenssatz nicht von heute auf morgen verschwindet. Außerdem war mir schnell klar, dass ich nicht aktiv daran arbeiten könnte. Wenn ich mich schneide, kann ich die Wunde ja auch nicht aktiv heilen lassen. Ich brauche Geduld und Zeit und die Wunde wird sich irgendwann schließen. Eventuell reißt die Wunde auch noch mal auf, wenn ich diese zu schnell und stark beanspruche. Aber irgendwann wird die Wunde heilen und eine Narbe wird entstehen. Diese Narbe mag am Anfangt noch schmerzen, aber im Laufe der Zeit wird die Narbe immer weiter verblassen. Und irgendwann wird sie als Erfahrung auf unserem Körper bleiben, aber nicht mehr weh tun. Allerdings errinnert sie uns immer daran, dass wir sorgsamer mit uns umgehen müssen, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und so habe ich mir und meiner Seele Zeit gegeben, um zu heilen.

Dabei hat mir geholfen, dass ich von Anfang an über diese Erkenntnis geredet habe. Ich habe diesen Schmerz mit meiner Familie, meinen Freunden oder auch Bekannten geteilt. Natürlich habe ich mich damit auch ein Stück weit verletzlich gemacht. Allerdings war mir schnell klar, dass nur ein offenes Herz helfen kann. Man sagt ja, geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber irgendwie ist an dem Spruch etwas Wahres dran. Mein Mut und meine Offenheit wurden mit Liebe, Trost und Bestätigung belohnt. Am Anfang fiehl es mir natürlich noch schwer, diesen liebevollen Worten zu glauben. Aber im Laufe der Jahre, haben diese sich manifestiert und sind zu einem Glaubenssatz geworden. Das ist das alte Thema Selbstbild und Fremdbild. Mein Selbstbild ist zum Teil ganz stark von dem abgewichen, wie andere Meschen mich gesehen und empfunden haben.

Der Besuch beim Jugendamt hatte mich natürlich mit so vielen Fragen zurück gelassen. Und was war nun mit meinen Wurzeln, die ich so verzweifelt gesucht hatte. Immer und immer wieder habe ich mir den Kopf zebrochen, wie ich eine Antwort darauf finden kann, wer ich bin und woher ich komme. Zu der Zeit hat es mir stark geholfen, wenn ich im Schutz und der Stille der Nacht mit dem Auto durch das Ruhrgebiet gefahren bin und über mich und mein Leben nachgedacht habe. Eines Nachts war ich wieder zu einer meiner Entdeckungstouren zu mir selbst aufgebrochen. Ich war schon immer ein Mensch mit einem starken Glauben. Ob man das nun Gott, Universum oder was auch immer nennen mag, spielt für mich keine Rolle. Denn mein Glaube ist losgelöst von irgendeiner Religion oder Kirche. Ich sage immer so schön, dass ich zwar an Gott glaube, aber meine Probleme mit seinem Bodenpersonal habe. Wie dem auch sei, in dieser Nacht stand ich nun dort auf einem Parkplatz vor einer der Kohlenhalden. Und plötzlich habe ich oben auf der Halde ein risiges beleuchtetes Kreuz gesehen. Und als ich in dem Moment in den Rückspiegel geschaut habe, traf mich eine Erkenntnis wie ein Blitz. Ich mag ja vielleicht nicht meine leiblichen Eltern kennen, aber jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich dort auch ein Stück meiner leiblichen Mutter und meines leiblichen Vaters. Und auch wenn meine (Adoptiv-)Eltern durch ihre Erziehung maßgeblich dazu beigetragen haben, dass ich der Mensch geworden bin, der ich damals war und auch heute noch bin, so haben mir meine leiblichen Eltern doch auch eine Menge mitgeben. Die Liebe zum Leben, die kreative Ader, mein Humor, meine Hilfebereitschaft, vielleicht auch mein Dickkopf und noch so viele Dinge mehr. Ich sah also in den Spiegel und mir liefen Tränen der Erleichterung und des Glücks die Wangen runter. Denn zum ersten Mal habe ich Antworten auf meine Fragen bekommen. Ich wusste auf einmal, dass ich weiterhin Hoffnung haben kann, dass ich meine Fragen beantwortet bekomme. Und dieser Mut und diese Zuversicht haben mich dann immer wieder über all die Jahre durch Höhen und Tiefen begleitet.

Mein Fazit aus dieser Nacht: Und immer wenn Du denkst es geht nicht mehr, dann kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Ich weiß, was es bedeutet in der Dunkelheit zu Leben oder diese zu spüren. Allerdings weiß ich aber auch, dass das Leben Dir nur so viel zumutet, wie Du auch (er)tragen kannst. Zugegeben, in den Zeiten tiefster Dunkelheit fällt es schwer, daran zu glaube. Aber es gibt eben immer zwei Seiten einer Medaille. Es gibt eben nicht nur die Nacht (die übrigens auch Dein Freund sein kann), sondern es gibt immer wieder den Tag. Und es gibt eben nicht nur dauerhaften Regen, sondern immer wieder Sonnenschein. Und so ist es auch gerade mit Dir. Du magst vielleicht durch ein tiefes und langes Tal gehen, aber irgendwann hat auch dieses ein Ende.

Und was jetzt?

Der Besuch beim Jugendamt war also damals Tiefpunkt und Wendepunkt zugleich. Das zu erkennen hat dann jedoch noch viele Monate gedauert. Denn erst einmal war ich am Boden zerstört. Ich wollte doch so gerne meine Wurzeln entdecken. Ich war wie eine Blume, die voller Hoffnung war. Und mit nur einem Gespräch hatte der Mitarbeiter des Jugendamtes diese Blume aus dem Boden gerissen und ihr somit jegliche Hoffnung genommen, jemals ihre Wurzeln entdecken zu können.

Da waren nicht nur die ganzen alten Fragen, die schmerzlich an mir nagten: Wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater? Warum bin ich abgegeben worden? Wieso bin ich so, wie ich bin? Wie sehen meine leiblichen Eltern aus? Sehe ich meinen leiblichen Eltern ähnlich? …

Nein, es waren noch so viele neue Fragen hinzu gekommen. Wieso ist mein Vater unbekannt? Ich habe einen äteren Burder und eine ältere Schwester. Warum sind diese nicht auffindbar? Hat meine Mutter wirklich in einer Obdachlosensiedlung gewohnt? Und all die anderen Fragen die mich so quälten.

Alles was in meiner Macht stand, hatte ich getan. Den einzigen Weg, um etwas in Erfahrung zu bringen, den war ich gegangen. Ich war beim Jugendamt, meiner einzigen Informationsquelle, gewesen. Und was blieb mir nun? Nichts. Ich blieb zurück mit all den Fragen, die in meinem Kopf herumspukten. Es fühlte sich so an, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren. Denn es gab nichts, was ich tun konnte.

Doch unter dieser stillen Oberfläche meines Seelen-Sees sollte es anfangen zu brodeln. Denn ich war schon immer ein Mensch, der viele Dinge mit sich selber ausgemacht hat. Auch wenn ich mich nicht aktiv mit den Dingen auseinandersetzen konnte, so war doch mein Unterbewusstsein in Gang gekommen. Mir ist es seitdem ganz oft im Leben passiert, dass ich gemerkt habe, dass es in mir arbeitet, aber ich keinerlei Ahnung habe, was dort passiert. Wie eine Luftblase die im Wasser langsam zur Oberfläche steigt und dort zerplatzt und ihre Erkenntnis freigibt.

Und dann traf mich die Erkenntnis auf einmal wie ein Blitz. Ich hatte diese Gefühle nie bewusst wahrgenommen, aber sie waren immer da und haben sich auf mein Leben ausgewirkt. Ich wusste auf einmal, dass ich mir mein ganzes Leben lang unterbewusst die Schuld dafür gegeben hatte, dass ich abgegeben worden bin. Ich sei es einfach nicht wert geliebt zu werden. Und wenn ich einem Menschen meine Liebe schenke, dann verlässt mich dieser Mensch sowieso wieder. Ich war schlicht und erfgreifend nicht vom Leben gewollt. Das Leben hatte bereits vor meiner Geburt „Nein“ zu mir gesagt. Das erstaunliche war, so grausam und brutal diese Erkenntnis auch war, so groß war auch die Erleichterung, die sie mit sich brachte. Denn endlich konnte ich erkennen, was dort die ganze Zeit an mir genagt hatte. Heute weiß ich, dass noch ein jahrelangter Weg vor mir lag, diese Dinge zu be- und verarbeiten. Und da folgten noch so viele kleine Nebenschauplätze. Allerdings war es auch der Startschuss in die Befreiung. Denn wenn ich in meinem Leben ein Thema benennen konnte, bdeutete dieses auch, dass ich die Chance hatte, dieses zu verarbeiten, bzw. dass ich dem Ganzen den Raum und die Möglichkeit geben konnte zu heilen.

Manchmal kann es von Vorteil sein nicht zu wissen, was das Leben noch so für einen bereit hält und wohin der Weg einen führt. Denn ansonsten könnte man es schon mit der Angst zu tun bekommen, sein Ziel nicht zu erreichen oder gar den Mut zu verlieren. Aber trotz allem, was mir im Leben passiert ist, habe ich eines immer gespürt. Ich gehe meinen Weg schonungslos ehrlich. Da ist nicht immer leicht, denn ich lasse auch Wut, Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung zu. Oder wie mein bester Freund zu sagen pflegt: „Tim, musst Du denn immer den Leidensweg Christi gehen?“ Ja, muss ich. Denn mein Weg ist nicht der des geringsten Widerstandes und somit der einfachste Weg, sondern der ehrliche Weg. Nur so kann ich bei mir bleiben und kann auch die Dinge in meinem Leben erkennen und dauerhaft lösen, die mich so sehr beschäftigen. Und ganz erhlich, ich bin kein Heiliger, kein Messias und auch kein Wunderkind. Ich bin ein ganz einfacher Junge aus dem Ruhrpott, wie so viele andere auch. Und wenn es mir gelungen ist, schlimme und dramatische Dinge in meinem Leben nicht nur hinter mir zu lassen, sondern auch dauerhaft zu verarbeiten., dann wird es Dir auch gelingen. Du wirst in den folgenden Einträgen von mir immer wieder erfahren, dass ich in mir eine ganz tiefe Liebe zum Leben, Dankbarkeit und Hoffnung habe. Oder wie ich sie gerne zusammenfassend nenne: Das Sonnenschein Gen. Diese drei Dinge sind es, die mir im Leben geholfen haben, alles durchstehen zu können. Und Du kannst mir glaube, dass auch ich nicht immer die Hoffnung spüren konnte und erst recht nicht das Vertrauen hatte, dass alles gut werden wird. Aber tief in mir waren diese Gefühle verankert und ich habe in all den Jahren gehört, dieses Gefühl zu entdecken und darin zu leben. Ihr werdet zu einem späteren Zeitpunkt noch erfahren, wie als Jugendlicher die Zauberei mich gerettet hat und mein Leben so entscheident verändert hat. Und hierzu passt gut ein Zitat von Siegfried und Roy: „In uns allen erklingt eine Melodie. Wenn wir sie hören und ihr folgen, führt sie uns zur Erfüllung unserer sehnlichsten Träume.“ Und genau das ist es. Seid mutig und vertraut darauf, dass das Leben so viel mehr für euch bereit hält, als ihr gerade glauben oder fühlen könnt. Denn der Mensch, denn DU bist von Natur aus so veranlagt, dass Du nicht in Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Trauer leben sollst. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen dazu geboren sind in Leichtigkeit zu leben.

Erste Schritte in meine Vergangenheit

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„Wenn ich groß bin, beauftrage ich einen Privatdedektiv und der sucht dann meine Eltern.“ Ich war gerade 21 Jahre alt geworden und wusste in der Zwischenzeit, dass ich gar keinen Privatdedektiv benötige. Ich müsste einfach nur die Telefonnummer vom Jugendamt wählen. Die Nummer zu wählen, wäre einer der größten Schritte, die ich bis dahin getan hätte. Und gerade deswegen hatte ich Angst davor. Wochenlang lag die Telefonnummer vom Jugendamt auf meinem Schreibtisch. So oft hatte ich bereits den Telefonhörer in der Hand und begonnen die Nummer zu wählen. Doch immer war da diese Unsicherheit und Angst, die  mich doch wieder davon abgehalten hat dort anzurufen. Auf der anderen Seite wurden meine Fragen immer mehr. Wie sehen meine Eltern aus? Sehe ich meinen Eltern ähnlich? Habe ich noch Geschwister? Warum bin ich abgegeben worden? Wie sind meine Eltern? Was habe ich von meinen Eltern? Schließlich wurde meine Sehnsucht so groß, dass ich endlich den Mut aufbrachte, beim Jugendamt anzurufen. Ich erklärte dem Mitarbeiter, dass ich adoptiert worden bin und ich in meiner Familie auch sehr glücklich sei und alles in Ordnung ist. Trotzdem würde ich gerne etwas über meine leibliche Familie, über meine Wurzeln erfahren.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt macht mit mir einen Termin für ein paar Tage später aus, da er sich erst einmal meine Akte heraussuchen und anschauen müsste. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie ich die Zeit des Wartens hinter mich gebracht habe. Ich weiß nur noch, dass ich eines Tages mit weichen Knien und ziemlich nervös das Jugendamt betreten habe.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt war sehr freundlich und bat mich Platz zu nehmen. Er fragte mich, ob ich denn ggf. auch eine schlechte Nachricht verarbeiten könnte. „Cool“ oder besser gesagt unbedarft wie ich war, antwortete ich, dass ich damit überhaupt kein Problem hätte.

An das Gespräch von damals habe ich nur noch wenig Erinnerungen. Aber ich höre heute noch, wie der Mann sagt, dass meine Mutter verstorben ist, als ich 18 Jahre alt war, mein Vater sei unbekannt und ich hätte eine ein Jahr ältere Schwester und einen vier Jahre älteren Bruder. Zu beiden lägen aber keine Informationen vor. Meine Mutter hätte schon während der Schwangerschaft gesagt, dass sie mich abgeben möchte. Und ich meine mich noch daran zu erinnern, dass er gesagt hat, dass meine Mutter zuletzt in einer Obdachlosensiedlung gelebt hätte. Viel mehr Informationen dürfte oder könne er mir nun auch nicht mehr geben. Er hat mir dann noch den Namen meiner Mutter verraten und auf welchem Friedhof sie begraben liegt. Er hatte extra mit der Friedhofsverwaltung telefoniert um mir die Grabnummer geben zu können, falls ich meine Mutter besuchen wollen würde. Die Namen meiner Geschwister dürfe er mich nicht geben. Ich habe ihn dann gebeten, ob er nicht noch einmal telefonieren können, um zu recherchieren, ob er nicht doch etwas über den Verbleib meiner Geschwister in Erfahrung bringen könne. Das hat er dann bereitwillig getan, musste aber aufgeben, da keine weiteren Informationen zu erhalten waren. Ich bedankte mich und ging nach Hause.

Und da war ich nun. Ich hatte eine tote Mutter, einen unbekannten Vater und zwei ältere Geschwister, die nicht auffindbar waren. Es waren also nicht nur meine Fragen nicht beantwortet worden, sondern ich war mit mehr Fragen aus dem Gespräch gegangen, als ich zu Beginn überhaupt gehabt hatte. Und was war mit dem coolen Typen? Ich bin total zusammengeklappt. Ich habe resigniert und war verzweifelt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja noch nicht ahnen, dass dieser Tag der Aufbruch in ein neues Leben sein sollte. Und der Beginn einer Reise in mein eigenes Leben, in meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Aber davon erzähle ich euch dann in meinem nächsten Blogeintrag.

 

Der Junge ohne Vergangenheit, der keine Zukunft hatte

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Heute gibt es für euch einen Text, den ich vor 18 Jahren, also mit 24 Jahren geschrieben habe. Als ich den Text gerade noch einmal gelesen habe, war mir klar, dass es dazu in diesem Blog Eintrag keine Erklärung geben wird. Wie es dazu gekommen ist, erzähle ich euch beim nächsten Mal.

„Der Junge ohne Vergangenheit, der seine Zukunft suchte!“ – Ein Satz, der scheinbar wie jeder andere ist. Doch für mich bedeutet er mehr. In ihm liegt mein Leben. Diese acht Worte spiegeln meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft wieder.

Ich kann mir vorstellen, dass ihr das jetzt nicht verstehen werdet. Wenn ich keine Vergangenheit und keine Zukunft habe, dann kann ich doch nur eine Gegenwart haben. Aber wie kann ich eine Gegenwart haben, wenn ich keine Vergangenheit und auch keine Zukunft habe? Es gibt keine Vergangenheit, aus der ich kommen könnte. Aus diesem Grund habe ich auch keine Gegenwart. Aber wenn ich keine Gegenwart habe, dann kann ich auch keine Zukunft haben. Also existiere ich nicht.

Aber dennoch lebe ich doch! Formuliere diese Gedanken über mich!

In der „Unendlichen Geschichte“ von Michael Ende, ist das Land „Phantasien“ von einer unheimlichen Macht, dem „Nichts“ heimgesucht worden. In dem „Nichts“, dieser gähnenden Leere, konnte nichts existieren. Es gab nicht einmal den Tod. Alles was es verschlang, war einfach nie dagewesen.
So ein Gefühl ist es auch, was ich verspüre, wenn ich an meine Vergangenheit denke. Ich sehe zwar nicht das „Nichts“, allerdings sehe ich das große „NEIN“. Ich sehe, daß die Menschen noch bevor ich geboren worden bin nein zu mir gesagt haben. Es ist unwiderruflich die Entscheidung gegen mich getroffen worden.

Ich persönlich hätte mir lieber das „Nichts“ ausgesucht. Für mich ist es erträglicher ich hätte niemals existiert, als dass ich nicht gewollt und abgeschoben worden bin. Man hat einfach nein zu mir gesagt. Wo ich die Zeilen hier schreibe, wird mir das ganze Ausmaß dessen, was ich gerade gesagt habe erst so richtig bewusst. Das bedeutet nichts anderes als die Tatsache, dass ich mir eigentlich wünsche, dass mich meine Mutter abgetrieben hätte. Wie tief muss ich verletzt sein und was für ein große Trauer und Wunde in meiner Seele muss ich haben, um mir so etwas zu wünschen.

Etwas wird mir in diesem Augenblick bewusst. Ich habe sowohl eine Vergangenheit, wie auch eine Gegenwart, als auch eine Zukunft. Sobald ich Frieden schließe mit meiner Vergangenheit und meiner Mutter, finde ich meine Gegenwart und auch meine Zukunft. Ich werde erkennen, dass ich diese Dinge eigentlich schon die ganze Zeit gehabt habe. Ich habe mir mein Leben nur durch Trauer, Kummer, Selbstvorwürfe und Hass so zugeschüttet, dass ich bisher eigentlich nie wirklich gelebt habe. Ich habe immer versucht, mir die Schuld an allem zu geben und mich zu verletzen wo ich kann.
Allerdings müßte bereits alleine die Tatsache, dass ich lebe ausreichen, um mir zu zeigen, wie sehr ich gewollt und geliebt worden bin. Ich bin so sehr geliebt und gewollt worden, dass mich meine Mutter sogar entgegen aller widrigen Umstände zur Welt gebracht hat und ich das Glück hatte in einer ganz tollen Familie mit viel Liebe aufzuwachsen. Gott, das Universum, meine Mutter und meine Eltern haben mich so sehr gewollt, dass ich jetzt hier auf dieser Welt bin.

Dennoch habe ich mir unbewusst mein ganzes Leben lang die Schuld daran gegeben, dass ich damals abgegeben worden bin. Ich habe mir sogar „eingeredet“, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden und die Menschen, denen ich mein Herz schenke, mich sowieso wieder abschieben und nicht wollen.