Wenn die Seele hungert

Bislang hat meine Adoption und die Suche nach meinen Wurzeln einen großen Teil meiner Geschichte hier eingenommen. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit damit anzufangen, da diese Erfahrungen und Gefühle in meinem Leben auch ganz starke Auswirkungen auf viele andere Bereiche meines Lebens gehabt haben und noch haben. Die Geschichte meiner Adoption sieht man mir nicht an. Wenn man mich gut kennt, mag man in der Vergangenheit eventuell Verhaltensweisen bemerkt haben, die auf meine Adoption zurück gehen. Und ich selber merke natürlich die Veränderungen im Laufe der Jahre an mir ganz deutlich.

Aber da gibt es etwas, dass mich seit meiner Kindheit bis heute begleitet. Das wohl sicherste Zeichen für die emotionale Achterbahn meines Lebens. Mein Gewicht.

Mit 1,90 m bin ich zum Glück sehr groß, so dass man mir mein Übergewicht zwar ansieht, aber es nicht so wirkt, wie mit 1,74 m Körpergröße. Merkt ihr, dass ich schon anfange Rechtfertigungen und Relativierungen zu finden, bevor ich eigentlich ins Thema einsteige. So richtig bewusst habe ich mich als Teenager mit meiner Gewichtszunahme auseinander gesetzt. Damals habe ich zwischen 90kg und 100 kg gewogen. Aus meiner Sicht heute weiß ich, dass es es sich um kein drastisches Übergewicht gehandelt hat. Damals habe ich dann einfach mal kleinere Diät-Phasen eingelegt und hatte schnell auch wieder 5 kg runter. Ich weiß noch, dass ich mit der Unterstützung meiner Mutter mit 15 oder 16 meine erste Mini-Diätz eingelegt habe: Einen Tag lang nur Eier, einen Tag lang nur Bananen und einen Tag lang nur Würstchen. Wenn ich das heute so lese, habe ich noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, was das für eine Diät gewesen sein soll. Aber das ist irgendwie für mich der Auftakt zu meiner Gewichts-Karriere gewesen.

Seitdem ist mein Gewicht konstant nach oben gegangen. Immer mal unterbrochen von Diätphasen in denen ich zwischen 30 kg und 50 kg abgenommen habe. Allerdings ist es mir nie gelungen, das Gewicht zu halten und der JoJo-Effekt hat irgendwann wieder gnadenlos zugeschlagen. Und so bin ich dann von XL über 2XL bis hin zu 5XL gewandert. Ich erspare euch jetzt zu googeln, was das wohl in Kilogramm bedeuten könnte. Ich wiege aktuell 179 kg bei einer Körpergröße von 1,90 m. Ich sitzte hier und krige Schweissausbrüche bei dem Gedanken daran, diesen Post nachher zu veröffentliche. Es gibt genau zwei Menschen, die mein Gewicht kennen. Es sind mein bester Freund und mein Mann. Ansonsten spreche ich mit niemandem darüber, da mir das unfassbar peinlich ist. Ich bin also nicht einfach nur übergewichtig, sondern ich „bin fett“. Wobei ich zu der Formulierung später nochmal etwas sagen werde.

Dann friss doch einfach, weniger und bewege Dich mehr. Diesen gut gemeinten Rat gibt man oft Menschen, die übergewichtig sind. Aber leider ist es nicht so einfach. Damit ihr mich nicht falsch versteht, weder habe ich einen „schweren Knochenbau“, noch habe ich „ein Drüsenproblem“ oder ähnliches. Es gibt keine Auasreden dafür. Ich nehme schlicht und ergreifend zu viele Kalorien zu mir und mache auf der anderen Seite zu wenig Sport. That’s it! In meinem Kopf hat es zwar oft genug Klick gemacht, der Schalter hat sich umgelegt und ich habe über Wochen und Monate konstant meine Ernährung umgestellt und Sport in mein Leben integriert. Und obwohl ich gemerkt habe, wie viele positive Auswirkungen das auf die unterschiedlichsten Bereiche meines Lebens hatte, bin ich dann doch irgendwann wieder in alte Verhaltensweise verfallen.

Aus dem Fernsehen kennt man ja die verschiedensten Dokumentationen über übergewichtige Menschen und auch Diät-Sendungen. Dort sind Menschen, die extreme gesundheitliche Probleme haben, ihren Beruf nicht ausüben können oder das Haus nicht verlassen/ verlassen können. Das ist mir im Leben nie passiert. Trotz meines Gewichtes bin ich erstaunlicherweise den Umständen entsprechend gesund. Ich habe einen ganz leichten Bluthochdruck. Aber so am untersten Bereich, dass dieser nicht behandelt werden muss. Ich habe keinen Zucker und meine Blutwerte sind alle in Ordnung. Mit Sicherheit stellt das Gewicht eine Belastung für meinen Knochen und Gelenke dar. Allerdings habe ich keine Probleme damit. Und auch ansonsten bin ich jemand, der nie das Gefühl aufkommen lassen wollte, dass er der faule und behäbige Dicke ist, der immer hinterher rennt. Daher bin ich immer Hans Dampf in allen Gassen und vorne mit dabei. Mit Sicherheit dann eher das Modell schnaufende Dampflok, aber eben auch nicht das letzte Glied der Kette.

Das Thema ist so komlpex, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, weil es so viel zu erzählen gibt. Vorweg sei gesagt, dass ich ein glückliches Leben führe und aktiv am Leben teilnehmen. Wenn mir allerdings ein stark übergewichtiger Mensch sagt, dass sein Gewicht kein Thema für ihn ist und er oder sie nichts daran ändern möchte, dann kann ich das aus eigener Erfahrung nicht glauben. Wenn die gute Fee zu mir kommen würde und mich bitten würde mein Wunschgewicht zu nenen und dieses würde dann über Nacht in Erfüllung gehen, würde ich das sofort machen.

Ich sehe oft Menschen in den Abnehmsendungen, die ihren Körper verachten und sich davon distanzieren. Das tue ich nicht. Schäme ich mich für mein Gwicht? Ja das tue ich. Hasse ich meinen Körper? Nein, auf gar keinen Fall. Ich habe einen wundervollen Körper, der mich tatsächlich all die Jahre durch alle Zeiten meines Lebens getragen und beschützt hat. Und selbst mit einem Körpergewicht bei dem andere vom Arzt gesagt bekommen, dass sie bald sterben würden, bin ich den Umständen entsprechend gesund. Ich erkläre in einem anderen Post noch, was ich mit den Umständen entsprechend meine.

Warum also bin ich nun so übergewichtig und warum gelingt es mir nicht dauerhaft mein Gewicht in den Griff zu bekommen. Die erste Frage kann ich zu großen Teilen beantworten, während ich an der zweiten Frage gerade ganz aktiv arbeite und mir das noch nicht in Gänze erschließen konnte.

Meine Eltern haben mir seit meiner Geburt Fotoalben angelegt. Ich habe irgendwann mal geschaut, ab wann ich denn angefangen habe Gewicht zu zunehmen. Das hat mit ungefähr sechs Jahren begonnen. Ich war nicht dürr, aber man konnte bis dahin bei mir die Rippen deutlich erkennen. Bei der Durchsicht meiner Fotoalben ist mir damals auch schlagartig klar geworden warum. Ihr wisst ja schon, dass ich adoptiert worden bin. Ich habe mir immer ein Geschwisterchen gewünscht. Und als ich sechs Jahre alt war, konnten meine Eltern dann noch ein weiteres Kind adoptieren, meinen Bruder. Und obwohl ich nie sagen würde, dass ich auf ihn eifersüchtig gewesen bin oder meine Eltern mir weniger Zuneigung und Liebe geschenkt haben, hat sich unser Leben doch komplett umgestellt. Ich war eben nicht mehr alleine da, sondern nun galt die Aufmerksamkeit und Liebe meiner Eltern uns beiden. Auch wenn ich erst mit Anfang 20 Zugang zu meinen Gefühlen gefunden habe und diese bewusst wahrnehmen konnte, gab es in mir doch schon diese Glaubenssätze. Du bist es nicht wert geliebt zu werden und wenn Du jemanden liebst, wirst Du sowieso wieder verlassen. Und da die Lieben meiner Eltern eben nicht mehr nur mir alleine galt, war dort das Gefühl nicht zu genügen, es nicht wert zu sein.

Was habe ich also gemacht? Ich habe zum einen angefangen mich mit Essen zu belohnen. Ich weiß noch ganz genau, dass ich damals begonnen habe, mir von meinem Taschengeld am Kiosk gemischte Tüten zu kaufen. Diese Süßigkeiten haben mir Zuneigung, Geborgenheit und Liebe gegeben. Das habe ich vielleicht so nicht formulieren können, aber ich habe es genauso empfunden. Aber es war eben etwas, dass ich für mich ganz alleine hatte und das mir niemand wegnehmen konnte. Dadurch das ich angefangen habe an Gewicht zu zunehmen, bin ich natürlich auch vermeintlich nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, sondern bin sichtbar geblieben. Jedes Kilo mehr hat die Aufmerksamkeit auf mich gezogen und ich bin wahrgenommen, gesehen worden. Auf der anderen Seite war mein Gewicht dann auch ein Schutz für mich. Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes einen Schutzpanzer um mich herum errichtet, der es nicht zugelassen hat, dass man mich tief im Inneren verletzten konnte.

Wenn die Seele Hunger hat, dann sucht sie sich ihren Weg, um diesen Hunger zu stillen. Das Blöde daran ist nur, dass jegliches Essen niemals den Hunger der Seele stillen wird können. Und egal, wie viele Themen ich in meinem Leben bearbeitet und verarbeitet habe, egal wie sehr ich mich weiterentwickelt habe und egal wie stark ich bei mir angekommen bin, mein Gewicht habe ich immer noch nicht in den Griff bekommen. In den letzten knapp zwei Jahren habe ich allerdings einen riesigen Schritt voran gemacht. Ich arbeite mit einem Coach zusammen und habe ganz viele Dinge für mich erkannt. Und gerade ist es so, dass ich an einem Scheideweg stehe. Ich weiß, dass ich in den nächsten Wochen und Monaten ein neues Kapitel meines Lebens beginnen werde. Aber vielleicht muss ich dazu erst einmal öffentlich über dieses Thema schreiben, um auch dieses hinter mir lassen zu können.

Im nächsten Post möchte ich euch gerne ein wenig über die Einschränkungen in meinem Leben erzählen, die ich durch mein Gewicht erfahre und die Probleme, die ich persönlich damit habe. in einem weiteren Post werde ich euch dann auch von meinem Coach erzählen und was mir in den letzten zwei Jahren an wundervollen Dingen und Erkenntnissen wiederfahren ist. Generell kann ich jeden Menschen verstehen, der aufgrund seines Gewichtes Ängst und Hemnisse hat. Lasst euch aber gesagt sein, dass diese niemals der Grund dafür sein sollten, euch aufhalten zu lassen. Du kannst auch mit diesem Gewicht ein glückliches und gutes Leben führen. Aber eben nur ein gutes Leben und kein sehr gutes Leben. Außerdem wirst Du mit so einem Gewicht auch niemals wirklich frei sein.

Ein letzter Gedanke für heute, den ich auch durch meinen Coach gelernt habe. Hättest Du mich vor zwei Jahren noch gefragt, wie ich mich beschreiben würde, hätte ich gesagt, ich bin fett! Heute weiß ich, dass ich nicht fett bin. Denn das ist ein Glaubensatz und eine unumstößliche Tatsache. Aber ich bin ja auch nicht schwarze Haare, nur weil ich schwarze Haare habe. Daher sage ich heute ganz bewusst über mich, dass ich Fett habe. Denn dieser Satz alleine sagt zwar viel über mein Gewicht aus, gibt mir aber gleichzeitig die Hoffnung, den Glauben und die Freiheit, dass ich daran etwas ändern kann.

Das heute ist mit Sicherheit einer der schwersten Posts bislang gewesen. Denn ich habe nun das erste Mal öffentlich und ganz konkret über mein Gewicht gesprochen. Ja, auf der einen Seite bin ich erleichtert, aber auf der anderen Seite schäme ich mich unendlich dafür. Vor mir selber und vor euch. Aber auch dafür ist dieser Blog da, um eben schonungslos ehrlich zu sein und euch an meinem Leben teilhaben zu lassen. Und wenn es mir gelingt, nicht nur mit diesem, sondern mit jedem dieser Blog Einträge auch nur einem Menschen Mut zu machen, Hoffnung zu geben oder eventuell auch nur Verständis für Menschen in solchen Situationen zu schaffen, habe ich mehr erreicht, als ich mir jemals hätte träumen lassen. In dem Sinne wünsche ich euch allen einen gute Nacht und sage bis die Tage.

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