
Zwei Tage ist mein Geburtstag her und somit auch der Augenblick in dem ich das erste Mal wirklich die Chance habe, meine leiblichen Geschwister zu finden. Hier sitze ich nun also mit meinem besten Freund im Auto und wir fahren Samstag nachmittags ins Sauerland. Ich bin nervös, aufgeregt, voller Vorfreude und Angst zugleich. Was mache ich denn nur, wenn dieser Michael doch nicht mein Bruder ist. Und viel schlimmer, was mache ich, wenn er es ist, aber nichts mit mir zu tun haben möchte.
Langsam biegen wir in das beschlauliche Örtchen Olsberg ein. Und mit jedem Meter, den wir uns dem Ziel nähern, werde ich unruhiger. Schließlich sind wir angekommen und ich suche einen Parkplatz. Ich atme noch einmal tief durch und dann gehe ich zu der Haustür. Und dort steht tatsächlich der Name meines „vielleicht Bruders“ am Klingelschild. Ohne lange zu zögern drücke ich die Klingel und es passiert nichts. Sekunden vergehen wie Stunden. Und ich drücke ein weiteres Mal auf die Klingel. Aber wieder passiert nichts. Ich schaue auf die Uhr und überlege mir, ob gerade die falsche Zeit für einen Besuch ist. Schließlich ist es Samstag nachmittag. Eventuell ist Michael ja einkaufen. Aber so schnell will ich einfach nicht aufgeben. Also gehen mein bester Freund und ich in eine Pommesbude um die Ecke.
Während wir so warten und die Zeit rumbringen, lasse ich mir den kleinen Block einer Brauerei geben und schreibe folgende Nachricht: „Hallo mein Name ist XXX. Bitte seien Sie doch so freundlich und rufen mich einmal an.“. Natürlich schreibe ich noch meine Handynummer dazu. Nachdem gut eine Stunde ins Land gegangen ist, gehe ich wieder zur Haustür und schelle erneut. Als hätte ich eine Vorahnung gehabt, öffnet auch dieses Mal niemand. Ich nehme den Zettel vom Block der Brauerei und werfe ihn in den Briefkasten meines Bruders. Erst auf der Rückfahrt überlege ich mir, was für eine waghalsige Tat das war. Wird er den den Zettel überhaupt finden oder landet der zusammen mit den Werbeblättchen im Altpapier? Ich habe bis heute mein Handy immer auf lautlos. Aber an diesem Tag habe ich das Handy auf laut. Ich möchte ja schließlich den Anruf meines Bruders nicht verpassen. Mein Handy bleibt auch noch den ganzen Sonntag und den ganzen Montag auf laut. Denn mein Bruder hat sich immer noch nicht bei mir gemeldet. Ehrlich gesagt schwindet mit jeder Stunde meine Hoffnung, dass er noch anruft.
Dienstag vormittag sitze ich in meinem Büro und auf einmal schellt mein Telefon. Ich schaue auf das Display und dort steht Nummer unterdrückt. Sollte das vielleicht der erlösende Anruf sein, auf den ich so sehnlichst gewartet habe? Ich hebe ab und melde mich. Am anderen Ende der Leitung höre ich eine Männerstimmer die sagt: „Michael Frank hier, ich habe einen komischen Zettel in meinem Briefkasten gefunden, stammt der von Ihnen?“ Ich bin mir ja immer noch nicht sicher, ob es sich wirklich um meinen Bruder handelt. Daher frage ich, ob er aus Bottrop stammen würde und er letztes Jahr dort einen Freund besucht hätte. Er antwortet ziemlich muffelig, dass das stimmen würde, aber worum es denn nun eigentlich gehen würde. Mir schießen sofort die Tränen in die Augen, da ich endlich Michael, meinen leiblichen Bruder gefunden habe. Endlich bin ich am Ziel angekommen. Ich denke mir, reiss Dich zusammen, Du musst wenigstens diesen einen Satz noch rausbekommen. Und so sage ich: „Deine Mutter war 1977 mit einem kleinen Jungen schwanger. Das bin ich, ich bin Dein Bruder.“ Stille am anderen Ende der Leitung gefolgt von einem „Neee, wirklich? Das kann doch nicht war sein.“ Schnell erkläre ich Michael, dass ich beim Standesamt war und die Geburtsurkunde habe. Danach war ich bei dem Haus wo die drei damals gewohnt haben. Und so bin ich dann an seinen Namen gekommen und mit viel Recherche schließlich bei ihm gelandet. Michael erzählt mir ungläubig, dass er nichts von einer Schwangerschaft seiner Mutter wüsste. Ich frage ihn, ob er noch Kontakt zu unserer Schwester hat und er sagt, dass er leider schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr hat. Er hätte jetzt aber auch keine Zeit, weiter mit mir zu sprechen. Er würde sich abends um 19 Uhr bei mir melden und dann könnten wir in Ruhe sprechen. Ehrlich gesagt, klingt das so nach dem Motto, melden Sie sich bitte nicht, wir werden uns melden. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er nicht anrufen wird. Trotzdem bin ich so erleichtert und glücklich, dass ich ihn gefunden habe und es ihm gut zu gehen scheint. Endlich habe ich einen Teil meiner Wurzeln gefunden. Nur dieses eine mal mit ihm gesprochen zu haben, ist schon überwältigend genug für mich. Voller Hoffnung und Angst sitze ich bei mir zuhause und warte darauf, dass es Abend wird. Ob er tatsächlich anrufen wird. Naja, ich glaube ja nicht daran. Und wie die Geschichte dann ausgegangen ist, erzähle ich euch in meinem nächsten Blog Eintrag.