Der Nebel lichtet sich

Vollkommen aufgewühlt beende ich das Gespräch mit meinem besten Freund und lege den Hörer auf. Ist das jetzt gerade wirklich passiert? Kann das tatsächlich wahr sein. All die Jahre hatte ich die Hoffnung aufgegeben, jemals Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Ich hatte mich mit den Antworten angefreundet, die ich in mir selber gefunden hatte. Und jetzt sitze ich fassungslos vor meinem Telefon und mir laufen Tränen des Glücks und der Erleichterung die Wangen herunter. Endlich, nach all den Jahren habe ich nicht nur die Chance Antworten auf meine Fragen zu bekommen, sondern auch meine leiblichen Geschwister kennen zu lernen. Sofern sie das denn überhaupt wollen. Es ist als würde der Schleier des Nebels, der sich über mich gelegt hatte in diesem Moment sich lüften.

Also wähle ich die Nummer der Frau, die gemeinsam mit meiner leiblichen Mutter und meinen leiblichen Geschwistern in einem Haus gewohnt hat. Das Telefon schellt ein paar Mal, bevor mich der herzliche Charme einer typischen Ruhrpottplanze begrüßt. Die Frau scheint genauso aufgeregt zu sein wie ich. Sie erzählt mir ein paar Dinge über meine Mutter und dass sie es ja auch nicht immer leicht im Leben gehabt hat. Meine leiblichen Geschwister musste sie dann irgendwann an das Jugendamt abgeben. Wo meine Geschwister dann genau hingekommen sind, weiß sie nicht. Sie hat allerdings eine Bekannte und deren Sohn ist wohl mit meinem leiblichen Bruder befreundet. Der war wohl letztes Jahr auch noch mal in Borttop zu Besucht. Aber dazu kann ihre Bekannte mit Sicherheit mehr erzählen und gibt mir deren Nummer.

Mittlerweile bin ich auch nicht mehr ganz so aufgeregt. Dafür bin ich umso neugieriger und wähle nun voller Vorfreude die Nummer der Mutter des Freundes meines leiblichen Bruders. Und wie gerade auch, schlägt mir wieder diese bodenständige Herzlichkeit entgegen. Dieses Mal sogar mit noch mehr Gefühl, da man ja irgendwie miteinander verbunden ist. Und das erste Mal in meinem Leben höre ich die beiden Namen: Michael und Nicole. Da stehe ich nun und habe auf einmal einen großen Bruder der Michael und eine große Schwester die Nicole heißt. Die Frau erzählt mir, dass meine leiblichen Geschwister vom Jugendamt ins Sauerland gebracht worden sind. Michael ist dann in einem Kinderheim aufgewachsen und Nicole in einer Pflegefamilie. Und Michael war eben mit ihrem Sohn befreundet und hat über all die Jahre Kontakt gehalten. Sie sind zwar keine ganz engen Freunde, aber Michael ist erst im vergangenen Jahr noch bei Ihnen zu Besuch gewesen. Wenn ich möchte, würde sie mir die Telefonnummer von Michael geben. Ob ich die Telefonnummer haben möchte? Was ist das denn für eine Frage. Es gibt nichts lieber als das. Nach all den Jahren habe ich nun endlich die Chance, einen Teil meiner leiblichen Familie kennen zu lernen. Ich schreibe mir die Telefonnumer auf und verspreche der Frau, dass ich mich noch einmal melde und ihr sage, wie es gelaufen ist.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie nervös ich bin, als ich die Telefonnummer von Michael wähle. Endlich werden meine Träume war. Ich habe nicht nur die Möglichkeit meinen Bruder kennen zu lernen, sondern vor allen Dingen auch Antworten auf so viele Fragen, die seit Jahren in mir schlummern. Ich habe die Nummer eingegeben und drücke auf wählen. Und da kommt sie die Ansage: „Die Rufnummer die sie gewählt haben, ist nicht vergeben.“ Genauso hoch wie ich kurz vorher noch geflogen war, genauso heftig bin ich wieder auf dem Boden gelandet. Das kann doch nicht wahr sein! So kurz vor dem Ziel kommt wieder die Blutgrätsche und bringt mich zu Fall. Aber dieses mal werde ich das nicht stillschweigend hinnehmen. Dieses mal kämpfe ich dafür. Durch die ehemalige Telefonnummer meines Bruders weiß ich ja anhand der Vorwahl, in welcher Stadt er im Sauerland gewohnt hat. Bis dahin hatte ich von Olsberg noch nie etwas gehört. Aber nun drehte sich mein ganzes Leben um diesen Ort im Sauerland. Also habe ich eine Umkreissuche gestartet und mir alle Michaels, die den gleichen Nachnamen wie er getragen haben, mit Telefonnummer rausgeschrieben. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele das waren. Nicht allzu viele, aber so um die zehn Personen werden es wohl gewesen sein. Also rufe ich einen nach dem anderen an. Allerdings erfahre ich nur, dass keiner der Menschen mein Bruder ist oder ihn kennt.

Etwas niedergeschlagen rufe ich die Frau an, die mir die Telefonnummer gegeben hatte. Schließlich habe ich ihr versprochen, dass ich Bescheid gebe, wie es gelaufen ist. Ich bedanke mich noch einmal für Ihre Hilfe, erzähle ihr allerdings, dass die Nummer traurigerweise nicht mehr vergeben ist und ich Michael nicht erreicht habe. Und sie fragt mich nur. Soll ich Dir dann vielleicht seine Handynummer geben? Die hätte sie nämlich auch. Bitte was? Warum hat sie mir die Handynummer denn nicht gleich gegeben. Überglücklich notiere ich mir auch diese Nummer und lege schnell wieder auf, damit ich direkt meinen Bruder anrufen kann. Ich wähle die Nummer und eine freundliche Computerstimmer sagt mir: „Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist zur Zeit nicht persönlich zu erreichen.“. Selten war ich über eine Bandansage so erfreut wie damals. Das bedeutete nämlich, dass mein Bruder die Handynummer noch besitzt. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich an dem Tag und in den folgenden Tagen noch versucht habe, meinen Bruder telefonisch zu erreichen und immer wieder die Bandansage gehört habe. Spätestens da ging mir die Bandansage dann auch wieder auf die Nerven. Also habe ich parallel eine SMS an ihn verschickt. Ja, damals hat man noch SMS verschickt. Da gab es WhatsApp und Co. noch nicht. Ich konnte auch sehen, dass die SMS übermittelt, aber nicht zugestellt worden ist. Nach ein paar Tagen, bzw. ein paar Wochen musste ich mir eingestehen, dass auch dieser Weg nichts bringen würde. Aber ich hatte mir versprochen, dass ich dieses Mal nicht aufgeben würde. Ich würde nicht eher nachgeben, bis ich meinen Bruder gefunden hätte.

Also musste ich eine List anwenden. Ich wusste ja, dass mein Bruder in Olsberg gewohnt hatte oder noch wohnt. Ich würde beim Einwohnermeldeamt in Olsberg anrufen und mich nach ihm erkundigen. Natürlich durfte ich nicht sagen, dass es um eine Adoption geht, denn dann dürfte man mir keine Auskunft geben. Also wähle ich die Nummer vom Einwohnermeldeamt und erkläre der freundlichen Dame, dass ich ein Klassentreffen organisiere und hierfür die alten Schulkollegen suche würde. Ob denn Michael noch in Olsberg wohnen würde. Und dann passiert etwas verrücktes. Die Mitarbeiterin sagt mir wie aus der Pistole geschossen, dass der Michael natürlich noch in Olsberg wohnen würde. Das wüsste sie so genau, weil sie ihn kennt. Bums, das hat gesessen. Endlich hatte ich ihn gefunden oder zumindest war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es sich um „meinen“ Michael handelt. Die Dame sagte mir dann, dass ich ihr die Anfrage kurz per Fax schicken soll. Sie würde mir dann die Information zukommen lassen. Ich weiß noch heute, welcher Tage es war an dem ich die Anfrage abgeschickt habe. Nämlich der 27.01.2005. Warum weiß ich dass so genau? Weil das mein Geburtstag ist und ich mir noch gedacht habe, dass ich noch nie in meinem Leben ein schöneres Geburtstagsgeschenk erhalten habe.

Der 27.01.2005 war ein Donnerstag und bereits zwei Tage später am Samstag hatte ich den Brief vom Einwohnermeldeamt mit der Adresse meines Bruders im Briefkasten. Ich habe meine besten Freund angerufen und wir sind direkt mittags von Gelsenkirchen nach Olsberg gefahren. Was dort passiert ist und ob es sich bei diesem Michael tatsächlich um meinen leiblichen Bruder gehandelt hat, erfahrt ihr dann in meinem nächsten Eintrag.

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