Wasserrohrbruch in ein neues Leben

Sieben Jahre sind vergangen, seit ich beim Jugendamt gesessen habe und einen Blick in meine Vergangenheit werfen konnte. Was ich damals gesehen habe, hat mich nur noch neugieriger gemacht. Aber leider blieb mir mein sehnlichster Wunsch verwehrt, mehr über meine Vergangenheit und meine leibliche Familie zu erfahren. Dennoch sind es sieben Jahre in denen ich begonnen habe, mich intensiv mit meinen Gefühlen auseinander zu setzen. Zu erkennen, dass mein ganzes Leben lang in mir dieser Glaubenssatz geschlummert hat, dass ich es nicht wert bin geliebt zu werden, war auf der einen Seite eine Befreiung. Denn endlich wusste ich, was all die Jahre wie ein schwarzer Schatten über einem Teil meines Lebens gelegen hatte. Diesen Glaubenssatz aber los zu werden, war eine andere Sache. Und damals war ich definitiv noch nicht so weit.

Sieben Jahre später begleite ich meinen besten Freund zu einem Gerichtstermin. Hätte mir an dem Morgen jemand gesagt, dass der Wasserrohrbruch in der Wohnung meines besten Freundes mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde, ich hätte es nicht gelaubt. Ich begleite ihn also ins Gericht. Da die Verhandlung nicht öffentlich ist, warte ich nicht im Gerichtsgebäude. Ich könnte mein Zeit doch sinnvoller nutzen. Es ist zwar kurz vor 12 Uhr, aber vielleicht hat das Standesamt ja noch offen. Ich wollte mir schon immer ein individuelles Horoskop erstellen lassen. Allerdings benötigt man dafür seine genaue Uhrzeit. Da meine Eltern und ich diese nicht kennen, blieb mir nichts anderes übrig, als mir eine Geburtsurkunde ausstellen zu lassen. Vielleicht habe ich ja Glück und das Standesamt ist noch offen. Irgendwie schon komisch, dass ich zum Standesamt muss, obwohl ich doch nur die Geburtsurkunde haben möchte. Kurz vor 12 Uhr betrete ich also das Büro und erkläre der freundlichen MItarbeiterin mein Anliegen. Sie fragt mich dann noch, ob ich eine Geburtsurkunde oder eine Abstammungsurkunde haben möchte. Und da ist diese kleine Vögelchen auf meiner Schulter, dass mir sagt, dass ich die Abstammungsurkunde haben möchte. Und so höre ich mich im nächsten Augenblick sagen, dass ich gerne eine Abstammungsurkunde haben möchte. Die Dame schaut im Computer nach und wird kreidebleich. Ich nehme an, dass Sie vor ihrem geistigen Auge schon das Drama gesehen hat, dass nun gleich stattfinden würde. Es ist kurz vor Feierabend und sie wäre doch so gerne entspannt und in Ruhe ins Wochenende gestartet und jetzt würde sie mir sagen müssen, ja jetzt würde sie mir sagen müssen, dass ich adoptiert bin. Wer weiß, welche Horrorszenarien sich da in Ihrem Kopf abgespielt haben. Da selbst ich diesen Schock in ihrem Gesicht bemerkt habe, beruhige ich sie, indem ich sage, dass ich bereits wüsste, dass ich adoptiert bin und sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Schlagartig entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie beginnt dankbar zu lächeln. Gerne erstellt sie mir die Abstammungsurkunde. Das wird allerdings einen kleinen Augenblick Zeit in Anspruch nehmen, da sie den handschriftlichen Vermerk zu meiner Adoption abtippen muss. Sie holt also diesen großen Ordner mit allen Geburten aus dem Januar 1977 heraus und schlägt diesen auf. Wir beiden sitzen uns genau gegenüber am Schreibtisch. Und als sie ins Nachbarbüro geht, um eine Blanko Abstammungsurkunde zu holen, lese ich, was dort geschrieben steht. Alles stimmt mit dem überein, was mir der Mitarbeiter vom Jugendamt damals erzählt hat. Der Name meiner leiblichen Mutter und das mein leiblicher Vater unbekannt ist. Aber eine Kleinigkeit steht dort, die ich noch nicht wusste. Nämlich die Adresse, an der meine Mutter gewohnt hat, als sie mit mir schwanger war. Also habe ich mir diese Adresse ganz schnell gemerkt. Denn ich hatte von damals noch im Kopf, dass meine Mutter ja in einer Obdachlosensiedlung gewohnt hätte. Und jetzt wollte ich die Chance nutzen, mir das endlich einmal selber anzuschauen. Nachdem ich die Abstammungsurkunde bezahlt und übergeben bekommen habe, verabschiede ich mich freundlich und gehe wieder rüber zum Gericht.

Mein bester Freund schaut mindestens genauso glücklich wie ich. Denn er hat den Prozess gewonnen. Und ich kann ihm genauso glücklich sagen, dass ich nun wüsste, wo meine leibliche Mutter gewohnt hat. Selbstverständlich warten wir nicht lange und fahren gleich dahin. Die Adresse ist ohnehin nur fünf Minuten mit dem Auto entfernt. Als wir dort ankommen geht mein Herz auf. Es ist zwar ein Ortsteil von Bottrop wo viele sozialschwache Familien leben, aber bei weitem keine Obdachlosensiedlung. Es ist eine Siedlung mit kleinen Mehrfamilienhäusern, wie sie typisch für das Ruhrgebiet ist. Es sind Häsuer in denen früher die Bergleute gewohnt haben, mit kleinen Vorgärten in denen die Wäscheleinen gespannt sind und einem kleinen Garten, wo man gemeinsam gesessen hat. Zutiefst glücklich fahre ich mit meinem besten Freund nach Hause. Ich bin so dankbar, dass meine Mutter in einer so netten Umgebung gelebt hat und es ihr anscheinend doch nicht so schlecht ergangen ist, wie ich befürchtet hatte.

Abends ruft mein bester Freund noch einmal an und ich merke, dass er total aufgeregt ist. Und ich höre nur, dass er mir etwas sagen müsste, aber er können es mir nicht sagen? Und ich denke mir nur, was denn nun schon wieder passiert ist und sage ihm, dass er mit mir über alles sprechen kann. Er meint, dann würde ich aber sauer werden. Ich bin schon etwas verwundert, und erkläre ihm, dass ich bestimmt nicht sauer werden würde und er es mir ruhig sagen könnte. Nein, er könne mit mir nicht darüber sprechen, dann würde ich ihn umbringen. So, nun ist meine Neuigerde endgültig geweckt und ich sage ihm, dass wenn er mir nicht augenblicklich erzählt, worum es geht, ich ihn in der Tat umbringen würde. Und dann sagt er mir, dass er wisse, wie meine leiblichen Geschwister heißen. In mir dreht sich alles. Meine leiblichen Geschwister? Wie kommte er denn jetzt darauf und wieso weiß er wie die beiden heißen? Selbst ich habe die Namen niemals erfahren. Ist mein bester Freund nun unter die Hellseher gegangen? Er erzählt mir, dass er alle Leute in dem Haus angerufen hat, dass wir heute mittag noch besichtigt hatten. Das Haus in dem meine Mutter gewohnt hatte, als sie mit mir schwanger war. Und eine Frau hat dort auch schon gelebt, als meine Mutter noch da gewohnt hat. Und daher kannte Sie meine Familie gut. Außerdem hat sie Kontakt zu einer Bekannten, deren Sohn mit meinem Bruder befreundt ist. Mein Bruder war noch vor einem Jahr zu Besuch dort. Aber das soll sie mir alles in Ruhe selber erzählen. Also gibt mein bester Freund mir den Namen und die Telefonnummer der damaligen Nachbarin meiner Mutter. Und ab da begann meine Reise in die Vergangenheit dann erst so richtig. Aber die Geschichte erzähle ich euch dann in meinem nächsten Eintrag.

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