Und was jetzt?

Der Besuch beim Jugendamt war also damals Tiefpunkt und Wendepunkt zugleich. Das zu erkennen hat dann jedoch noch viele Monate gedauert. Denn erst einmal war ich am Boden zerstört. Ich wollte doch so gerne meine Wurzeln entdecken. Ich war wie eine Blume, die voller Hoffnung war. Und mit nur einem Gespräch hatte der Mitarbeiter des Jugendamtes diese Blume aus dem Boden gerissen und ihr somit jegliche Hoffnung genommen, jemals ihre Wurzeln entdecken zu können.

Da waren nicht nur die ganzen alten Fragen, die schmerzlich an mir nagten: Wer ist meine Mutter, wer ist mein Vater? Warum bin ich abgegeben worden? Wieso bin ich so, wie ich bin? Wie sehen meine leiblichen Eltern aus? Sehe ich meinen leiblichen Eltern ähnlich? …

Nein, es waren noch so viele neue Fragen hinzu gekommen. Wieso ist mein Vater unbekannt? Ich habe einen äteren Burder und eine ältere Schwester. Warum sind diese nicht auffindbar? Hat meine Mutter wirklich in einer Obdachlosensiedlung gewohnt? Und all die anderen Fragen die mich so quälten.

Alles was in meiner Macht stand, hatte ich getan. Den einzigen Weg, um etwas in Erfahrung zu bringen, den war ich gegangen. Ich war beim Jugendamt, meiner einzigen Informationsquelle, gewesen. Und was blieb mir nun? Nichts. Ich blieb zurück mit all den Fragen, die in meinem Kopf herumspukten. Es fühlte sich so an, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben verloren. Denn es gab nichts, was ich tun konnte.

Doch unter dieser stillen Oberfläche meines Seelen-Sees sollte es anfangen zu brodeln. Denn ich war schon immer ein Mensch, der viele Dinge mit sich selber ausgemacht hat. Auch wenn ich mich nicht aktiv mit den Dingen auseinandersetzen konnte, so war doch mein Unterbewusstsein in Gang gekommen. Mir ist es seitdem ganz oft im Leben passiert, dass ich gemerkt habe, dass es in mir arbeitet, aber ich keinerlei Ahnung habe, was dort passiert. Wie eine Luftblase die im Wasser langsam zur Oberfläche steigt und dort zerplatzt und ihre Erkenntnis freigibt.

Und dann traf mich die Erkenntnis auf einmal wie ein Blitz. Ich hatte diese Gefühle nie bewusst wahrgenommen, aber sie waren immer da und haben sich auf mein Leben ausgewirkt. Ich wusste auf einmal, dass ich mir mein ganzes Leben lang unterbewusst die Schuld dafür gegeben hatte, dass ich abgegeben worden bin. Ich sei es einfach nicht wert geliebt zu werden. Und wenn ich einem Menschen meine Liebe schenke, dann verlässt mich dieser Mensch sowieso wieder. Ich war schlicht und erfgreifend nicht vom Leben gewollt. Das Leben hatte bereits vor meiner Geburt „Nein“ zu mir gesagt. Das erstaunliche war, so grausam und brutal diese Erkenntnis auch war, so groß war auch die Erleichterung, die sie mit sich brachte. Denn endlich konnte ich erkennen, was dort die ganze Zeit an mir genagt hatte. Heute weiß ich, dass noch ein jahrelangter Weg vor mir lag, diese Dinge zu be- und verarbeiten. Und da folgten noch so viele kleine Nebenschauplätze. Allerdings war es auch der Startschuss in die Befreiung. Denn wenn ich in meinem Leben ein Thema benennen konnte, bdeutete dieses auch, dass ich die Chance hatte, dieses zu verarbeiten, bzw. dass ich dem Ganzen den Raum und die Möglichkeit geben konnte zu heilen.

Manchmal kann es von Vorteil sein nicht zu wissen, was das Leben noch so für einen bereit hält und wohin der Weg einen führt. Denn ansonsten könnte man es schon mit der Angst zu tun bekommen, sein Ziel nicht zu erreichen oder gar den Mut zu verlieren. Aber trotz allem, was mir im Leben passiert ist, habe ich eines immer gespürt. Ich gehe meinen Weg schonungslos ehrlich. Da ist nicht immer leicht, denn ich lasse auch Wut, Schmerz, Trauer, Hilflosigkeit und Verzweiflung zu. Oder wie mein bester Freund zu sagen pflegt: „Tim, musst Du denn immer den Leidensweg Christi gehen?“ Ja, muss ich. Denn mein Weg ist nicht der des geringsten Widerstandes und somit der einfachste Weg, sondern der ehrliche Weg. Nur so kann ich bei mir bleiben und kann auch die Dinge in meinem Leben erkennen und dauerhaft lösen, die mich so sehr beschäftigen. Und ganz erhlich, ich bin kein Heiliger, kein Messias und auch kein Wunderkind. Ich bin ein ganz einfacher Junge aus dem Ruhrpott, wie so viele andere auch. Und wenn es mir gelungen ist, schlimme und dramatische Dinge in meinem Leben nicht nur hinter mir zu lassen, sondern auch dauerhaft zu verarbeiten., dann wird es Dir auch gelingen. Du wirst in den folgenden Einträgen von mir immer wieder erfahren, dass ich in mir eine ganz tiefe Liebe zum Leben, Dankbarkeit und Hoffnung habe. Oder wie ich sie gerne zusammenfassend nenne: Das Sonnenschein Gen. Diese drei Dinge sind es, die mir im Leben geholfen haben, alles durchstehen zu können. Und Du kannst mir glaube, dass auch ich nicht immer die Hoffnung spüren konnte und erst recht nicht das Vertrauen hatte, dass alles gut werden wird. Aber tief in mir waren diese Gefühle verankert und ich habe in all den Jahren gehört, dieses Gefühl zu entdecken und darin zu leben. Ihr werdet zu einem späteren Zeitpunkt noch erfahren, wie als Jugendlicher die Zauberei mich gerettet hat und mein Leben so entscheident verändert hat. Und hierzu passt gut ein Zitat von Siegfried und Roy: „In uns allen erklingt eine Melodie. Wenn wir sie hören und ihr folgen, führt sie uns zur Erfüllung unserer sehnlichsten Träume.“ Und genau das ist es. Seid mutig und vertraut darauf, dass das Leben so viel mehr für euch bereit hält, als ihr gerade glauben oder fühlen könnt. Denn der Mensch, denn DU bist von Natur aus so veranlagt, dass Du nicht in Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Trauer leben sollst. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschen dazu geboren sind in Leichtigkeit zu leben.

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