Erste Schritte in meine Vergangenheit

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„Wenn ich groß bin, beauftrage ich einen Privatdedektiv und der sucht dann meine Eltern.“ Ich war gerade 21 Jahre alt geworden und wusste in der Zwischenzeit, dass ich gar keinen Privatdedektiv benötige. Ich müsste einfach nur die Telefonnummer vom Jugendamt wählen. Die Nummer zu wählen, wäre einer der größten Schritte, die ich bis dahin getan hätte. Und gerade deswegen hatte ich Angst davor. Wochenlang lag die Telefonnummer vom Jugendamt auf meinem Schreibtisch. So oft hatte ich bereits den Telefonhörer in der Hand und begonnen die Nummer zu wählen. Doch immer war da diese Unsicherheit und Angst, die  mich doch wieder davon abgehalten hat dort anzurufen. Auf der anderen Seite wurden meine Fragen immer mehr. Wie sehen meine Eltern aus? Sehe ich meinen Eltern ähnlich? Habe ich noch Geschwister? Warum bin ich abgegeben worden? Wie sind meine Eltern? Was habe ich von meinen Eltern? Schließlich wurde meine Sehnsucht so groß, dass ich endlich den Mut aufbrachte, beim Jugendamt anzurufen. Ich erklärte dem Mitarbeiter, dass ich adoptiert worden bin und ich in meiner Familie auch sehr glücklich sei und alles in Ordnung ist. Trotzdem würde ich gerne etwas über meine leibliche Familie, über meine Wurzeln erfahren.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt macht mit mir einen Termin für ein paar Tage später aus, da er sich erst einmal meine Akte heraussuchen und anschauen müsste. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wie ich die Zeit des Wartens hinter mich gebracht habe. Ich weiß nur noch, dass ich eines Tages mit weichen Knien und ziemlich nervös das Jugendamt betreten habe.

Der Mitarbeiter vom Jugendamt war sehr freundlich und bat mich Platz zu nehmen. Er fragte mich, ob ich denn ggf. auch eine schlechte Nachricht verarbeiten könnte. „Cool“ oder besser gesagt unbedarft wie ich war, antwortete ich, dass ich damit überhaupt kein Problem hätte.

An das Gespräch von damals habe ich nur noch wenig Erinnerungen. Aber ich höre heute noch, wie der Mann sagt, dass meine Mutter verstorben ist, als ich 18 Jahre alt war, mein Vater sei unbekannt und ich hätte eine ein Jahr ältere Schwester und einen vier Jahre älteren Bruder. Zu beiden lägen aber keine Informationen vor. Meine Mutter hätte schon während der Schwangerschaft gesagt, dass sie mich abgeben möchte. Und ich meine mich noch daran zu erinnern, dass er gesagt hat, dass meine Mutter zuletzt in einer Obdachlosensiedlung gelebt hätte. Viel mehr Informationen dürfte oder könne er mir nun auch nicht mehr geben. Er hat mir dann noch den Namen meiner Mutter verraten und auf welchem Friedhof sie begraben liegt. Er hatte extra mit der Friedhofsverwaltung telefoniert um mir die Grabnummer geben zu können, falls ich meine Mutter besuchen wollen würde. Die Namen meiner Geschwister dürfe er mich nicht geben. Ich habe ihn dann gebeten, ob er nicht noch einmal telefonieren können, um zu recherchieren, ob er nicht doch etwas über den Verbleib meiner Geschwister in Erfahrung bringen könne. Das hat er dann bereitwillig getan, musste aber aufgeben, da keine weiteren Informationen zu erhalten waren. Ich bedankte mich und ging nach Hause.

Und da war ich nun. Ich hatte eine tote Mutter, einen unbekannten Vater und zwei ältere Geschwister, die nicht auffindbar waren. Es waren also nicht nur meine Fragen nicht beantwortet worden, sondern ich war mit mehr Fragen aus dem Gespräch gegangen, als ich zu Beginn überhaupt gehabt hatte. Und was war mit dem coolen Typen? Ich bin total zusammengeklappt. Ich habe resigniert und war verzweifelt. Zu dem Zeitpunkt konnte ich ja noch nicht ahnen, dass dieser Tag der Aufbruch in ein neues Leben sein sollte. Und der Beginn einer Reise in mein eigenes Leben, in meine Vergangenheit, meine Gegenwart und meine Zukunft. Aber davon erzähle ich euch dann in meinem nächsten Blogeintrag.

 

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